Tschüss Mannheim! Hej København!
Johan Holten
Johan Holten beendet seine Amtszeit an der Kunsthalle Mannheim zum 1. April.
Johan Holten übernimmt Leitung des Arken Museums Kopenhagen
Mannheim (epd)

Der Direktor der Kunsthalle Mannheim, Johan Holten, wechselt zum 1. April an das Arken Museum of Contemporary Art bei der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Holten trat sein Amt in Mannheim im September 2019 an. In den sechs Jahren seiner Tätigkeit als Direktor und Kurator verwirklichte er mehrere viel beachtete Ausstellungen. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressdienst (epd) zieht er Bilanz.

epd: Mit welchen Erwartungen haben Sie Ihr Amt als Direktor der Kunsthalle Mannheim 2019 angetreten?

Holten: Nach der Wiedereröffnung des renovierten Hauses war es mir wichtig, dass die Kunsthalle nicht nur als neues Gebäude wahrgenommen wird, sondern über ihr Ausstellungsprogramm identifiziert wird. Ich glaube, das ist uns besonders im letzten Jahr gelungen.

«Manches war geplant, vieles ist hier entstanden»

epd: Sie haben viele große Ausstellungen gemacht. Hatten Sie die Ideen dazu schon im Kopf, bevor Sie nach Mannheim kamen?

Holten: Manches war geplant, vieles ist hier entstanden. Die Ausstellung «Die Neue Sachlichkeit - Ein Jahrhundertjubiläum» war Teil meines Bewerbungsschreibens. Mir war klar, dass das ein Thema wäre, eine Möglichkeit, eine mit Mannheim verbundene großartige Ausstellung zu machen. Interessant ist, dass meine erste kuratierte Ausstellung 2020 «Umbruch» mit Kaari Upson und meine letzte nun - eine Retrospektive derselben Künstlerin - einen Kreis schließen. Ihr Werk ist sehr persönlich, geprägt von psychologischer Tiefe und menschlicher Erfahrung. Obwohl sie in Los Angeles lebte, spiegeln ihre Themen etwas Allgemeines, Menschliches breiter - darin liegt ihre Stärke.

Wann Kunst am schönsten ist

epd: Ist es diese existenzielle Dimension, die Sie an Kunst begeistert?

Holten: Ich finde Kunst immer am schönsten, wenn sie Teil einer Erzählung ist über innere oder gesellschaftliche Erfahrungen. Kunst interessiert mich, wenn sie Geschichten erzählt. Das können auch sehr politische Erfahrungen sein, aber wie die erlebt werden vom Menschen, vom Künstler, das interessiert mich. Die Ausstellung «Mutter!» etwa beleuchtete Mutterschaft als universelle menschliche Erfahrung, nicht als romantisches Klischee. Jedes Kind hat eine Mutter, diese Beziehung zur Mutter ist eine extrem ursprüngliche Lebenserfahrung. Und das transhistorisch zu untersuchen, wie Mutterschaft eben nicht nur jetzt, sondern über Jahrhunderte in unterschiedlichen Formen dargestellt wurde, das fand ich letztendlich deswegen so interessant, weil es eine Ausstellung über das Menschsein ist. Und das ist ja das Allerschönste, wenn Künstler es schaffen, über das Menschsein etwas zu erzählen.

epd: Auch die Expressionismus-Schau war sehr erfolgreich.

Holten: Ja, sie verband unsere Sammlungsgeschichte mit der Kunst jener Zeit. Ich wollte zeigen, wie eng diese Werke mit Mannheim und seinen Sammlern verbunden sind - nicht nur berühmte Namen, sondern Geschichten dahinter. Das ist etwas, was ich sehr gerne gemacht habe, zu schauen, welche Thematiken in diesen sehr spannenden Jahren in Mannheim in den zwanziger und dreißiger Jahren zu finden sind? Oder auszugraben, was man mit Mannheimer Persönlichkeiten verbinden kann, mit Mannheimer Händlernetzwerken. Die Werke stehen ja nicht alleine, sondern sind eingewoben in die Geschichte Mannheims. Ich bin sehr froh, dass das Publikum diese Art von Ausstellung gut angenommen hat.

Erste Karriere als Tänzer

epd: Ihre letzte Ausstellung - im Herbst dieses Jahres - wird «TANZ!» heißen. Sie geben die Ausstellung in die Hand Ihrer Nachfolgerin, hat nicht das Thema eigentlich ganz viel mit Ihnen zu tun?

Holten: Richtig. Die Idee für «TANZ!» begleitet mich schon lange. Meine erste Karriere war Tänzer, ich war als Tänzer bei John Neumeier in Hamburg und so liegt mir das Thema besonders am Herzen. Von Tanz verstehe ich etwas von zweierlei Seiten - nicht nur von der kunsthistorischen Seite, sondern auch von der praktisch ausführenden Seite. Ich kenne sogar die historische Seite, weil ich schon als Kind in der Ballettschule in Dänemark Ballettgeschichte unterrichtet bekam. Die Ausstellung zeigt, wie Künstler seit dem 19. Jahrhundert Tanz darstellen - von Degas bis zur Gegenwart, mit Performances von Tino Sehgal. Zur Eröffnung werde ich auf jeden Fall anreisen.

epd: Nun kehren Sie nach erfolgreicher Tätigkeit in Deutschland zurück nach Dänemark. Wie geht es Ihnen beim Gedanken an den Neubeginn?

Holten: Ja, das ist nicht etwa ein kurzer Ausflug gewesen, den ich nach Deutschland gemacht habe. Ich bin mit 18 weggezogen. Ich wohne deutlich länger in Deutschland, als ich in Dänemark gewohnt habe.
Deswegen es ist auch privat ein großer und ein bisschen aufreibender Wechsel. Nach über 30 Jahren in Deutschland fühlt sich die Rückkehr richtig an. Ich bringe viele internationale Kontakte mit in meine Heimat und möchte Netzwerke zwischen Dänemark und Deutschland weiter aufbauen. Es ist eine neue, auch persönliche Herausforderung - und darauf freue ich mich sehr. 

 

Von Susanne Lohse (epd)