Grammatik, Gendern, Geschichte
Anna Volodina
Anna Volodina ist Sprachwissenschaftlerin und Autorin.
Wie Kinder Deutsch entdecken - und was Erwachsene dabei lernen können
Mannheim/Graz (epd)

Der Satz «Deutsche Sprache, schwere Sprache» hält sich hartnäckig. Ein komplexes Regelsystem und auch noch dessen vielgestaltige Ausnahmen zu erlernen, beschäftigt schon Schulkinder. In dem Buch «Wenn Kinder fragen», das im IDS-Verlag (Mannheim) erschienen ist, hat Autorin Anna Volodina 21 Antworten zu Fragen von Kindern und Jugendlichen zur deutschen Sprache zusammengestellt.

Erwachsene fragten oft in den Kategorien «richtig» oder «falsch» und orientierten sich stark an Normen, sagte die Sprachwissenschaftlerin an der Universität Graz (Österreich) dem Evangelischen Pressedienst (epd). Kinder fragten eher: «Warum ist das so?», oder «Wer hat das erfunden?», hebt sie die Unvoreingenommenheit von Kindern hervor. Die Fragen wirkten auf den ersten Blick naiv, seien aber erstaunlich präzise, weil «Kinder sehr genau zuhören und ihr sprachliches Umfeld beobachten», so Volodina.

Das illustrierte Buch zeigt anschaulich auf, wie spannend Grammatik, Rechtschreibung oder Sprachgeschichte sein können. Entstanden ist es aus einer Mitmachaktion beim Aktionstag «Türen auf mit der Maus» am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim, wo die gebürtige Russin fast 20 Jahre arbeitete. Die Fragen wurden ausgewertet und als Buch veröffentlicht - als verständlicher Zugang zu sprachlichen Phänomenen für Kinder und Erwachsene.

Warum nicht «Büsse» und «Nusse»?

Da wird beispielsweise erklärt, warum es «Busse» und «Nüsse» heißt und eben nicht «Büsse» und «Nusse». Es geht um das Vogel «V» und um den Vulkan, der wiederum kein «W» am Wortanfang hat. Die Philologin geht auf das Plusquamperfekt ebenso ein wie auf das Futur II, das längste deutsche Wort oder das leidige Problem mit den Pronomen «der, die, das». Es sind gerade diese kleinen Wörter, die den Genderdiskurs befeuern. Die Autorin erklärt, wann das Gendern erfunden wurde und wie das großgeschriebene Binnen-I den Weg in die deutsche Rechtschreibung fand.

Es war, so lernen die Leserin und der Leser, Zeitersparnis. «Christoph Busch, ein Schweizer Journalist, war der Erste, der 1981 das Binnen-I zur Kennzeichnung von Paarformen in seinem Buch Was Sie schon immer über Freie Radios wissen wollten, aber nie zu fragen wagten! verwendete», schreibt Volodina. Anno 1981 gab es noch keine Computer, und Busch wollte offenbar nicht jedes Mal Hörerinnen und Hörer auf der Schreibmaschine tippen und verwendete stattdessen HörerInnen .

Gendern betreffe nicht nur Rechtschreibung, sondern auch gesellschaftliche Kommunikation und Sichtbarkeit, ist Volodina überzeugt. Sie plädiert für eine sachliche Diskussion, die sich am tatsächlichen Sprachgebrauch orientiert. Grammatik bleibt laut der Wissenschaftlerin unverzichtbar, auch im digitalen Zeitalter. Kein Programm könne das Sprachsystemverständnis ersetzen.

Sprache verändert sich

Sprache unterliegt ständiger Veränderung. In ihrer Replik geht Volodina bis ins 18. Jahrhundert zurück, als sich in ihren Worten «das moderne Deutsch zu formen» begann. Was zuvor lediglich Dialekte oder Mundarten gewesen seien, wurde im Neuhochdeutschen ab etwa 1750 zur einheitlichen deutschen Standardsprache. Der Sprachwandel hält bis heute an. Beispielhaft nennt sie die Entwicklung des Bestandteils «Riesen» in zusammengesetzten Wörtern. «Nach allen Regeln der Grammatik müsste es als Bestandteil eines Kompositums großgeschrieben und fest verbunden sein, in der Praxis verhält es sich aber oft wie ein Adjektiv - ähnlich wie riesig», so Volodina. Im Web und in privaten E-Mails lese man viel häufiger «riesen Freude» und «am riesen Weihnachtsbaum» als «Riesenfreude» und «am Riesenweihnachtsbaum».

 Die Autorin, die Deutsch als zweite Sprache spricht, schätzt die innere Logik und Klarheit des Deutschen. Durch Kinderfragen werden ihrer Meinung nach Erwachsene angeregt, Selbstverständliches neu zu hinterfragen. «Kinder stellen erstaunlich originelle, teils philosophische Fragen wie: Warum sprechen wir in Deutschland eigentlich Deutsch? Wer hat die deutsche Sprache erfunden? Warum heißt der Baum Baum und nicht Bank ?», beobachtet die Forscherin.

   Das Buch «Wenn Kinder fragen» darf als Anerkennung kindlicher Neugier und als Brücke zwischen Forschung und Alltag verstanden werden. 

 

Von Susanne Lohse (epd)