Erstmals sind in Sachsen-Anhalt frei lebende Störche als Wintergäste bei Frost und Schnee nachgewiesen worden. „Dieses Phänomen beobachten wir seit Jahren vor allem in Hessen, Baden-Württemberg und Bayern“, sagte der Geschäftsführer der Vogelschutzwarte Storchenhof Loburg im Landkreis Jerichower Land, Michael Kaatz, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Nun sei ein einzelner Storch in Loburg nahe dem Storchenhof gesichtet worden. Zudem sei in Magdeburg-Westerhüsen ein Storchenpaar trotz Schneefall und Frost auf seinem Horst nahe einer Bahnstrecke geblieben.
Grund zur Panik bestehe nicht, sagte Kaatz. Altstörche könnten ein bis zwei Wochen ohne Nahrungsaufnahme durchstehen, ohne Schaden zu nehmen. „Sobald Tauwetter einsetzt, sind sie wieder an ihren üblichen Futterstellen in der Flussaue oder an Kompostieranlagen und Deponien“, ergänzte der Storchenexperte.
Gründe für Überwinterung
Mittlerweile überwinterten jedes Jahr tausende Weißstörche in Deutschland. „Sie meiden den langen und strapaziösen Vogelzug in die Winterquartiere auf die iberische Halbinsel oder nach Afrika“, erläuterte Kaatz. Das habe in erster Linie mit dem Klimawandel zu tun: „Früher beförderten wochenlanger Frost und geschlossene Schneedecken die konsequente Winterflucht der Weißstörche.“ Doch das wechselhafte Wetter ermögliche den großen Vögeln zunehmend ein auskömmliches Nahrungsangebot hierzulande.
Die Vermeidung des Vogelzugs verringert zugleich die Risiken für die Störche. Kaatz konnte mit seinen Forschungen belegen, dass auf dem Vogelzug das Sterberisiko etwa 15-fach höher ist als im Brutgebiet. Neben Erschöpfung und Hunger zählten Stromleitungen, Jagd, Verkehr sowie Angriffe von Raubvögeln zu den größten Gefahren für die etwa einen Meter großen Schreitvögel. „Jeder gesparte Flugtag erhöht also die Überlebenschancen und fördert auch die Erhöhung der Bestände“, sagte Kaatz.
Storchenbestand angewachsen
In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe sich der deutsche Storchenbestand sehr erfreulich entwickelt, sagte der Experte. Die ostdeutschen Bestände hätten sich moderat erhöht, von rund 2.800 Paaren im Jahr 2004 auf 3.600 Paare im Jahr 2024. Im gleichen Zeitraum stiegen die westdeutschen Bestände jedoch von 885 auf rund 9.950 Paare. Und die meisten davon seien sogenannte Westzieher, die häufig auf der iberischen Halbinsel überwintern, und nicht in Ost- oder Südafrika, wie bei den meisten Störchen in Ostdeutschland.
Für die erfreuliche Bestandsentwicklung waren vielerorts erweiterte Schutzgebiete, das Anlegen von Feuchtwiesen und die Schaffung von Nisthilfen maßgeblich. So berichtet der Naturschutzbund (Nabu), dass beispielsweise im Kreis Groß-Gerau südlich von Frankfurt (Main) der Storchenbestand ab 1995 erfolgreich vergrößert wurde: 2004 gab es 43 Storchenpaare mit 64 Jungstörchen und 20 Jahre später bereits 381 Paare mit 834 Jungen. Dank Feuchtwiesen, einem Niedermoor und einer großen Mülldeponie hat sich die Region laut Nabu mittlerweile auch „zum größten Storchenüberwinterungsplatz Deutschlands“ mit rund 300 Weißstörchen pro Jahr entwickelt.