Mit Hungersteinen taucht Tradition aus der Elbe auf
Bleckede (epd).

Die kleine Spitze eines Findlings ragt aus dem ruhigen Wasser der Elbe. Es ist Ende Juli, der Wasserstand liegt bei knapp unter fünf Metern. Dieses Jahr ist er das erste Mal zu sehen: der Hungerstein im niedersächsischen Bleckede. Im Jahr 2015 hat Andrea Schmidt ihn dort platziert.

„Das war eine ganz spontane Idee“, erzählt die Bleckederin und muss lachen. Denn ein wenig verrückt sei die ganze Aktion schon gewesen. „Ich hatte damals einen Zeitungsartikel gelesen, indem eine Frau über einen Hungerstein in der Elbe sprach, der vermutlich bei der Deichreparatur nach dem Jahrhunderthochwasser verschwunden war“, erzählt sie. Damals habe sie selbst noch gar nicht gewusst, was ein Hungerstein ist und das erst mal recherchiert.

Markierungen aus dem Mittelalter

Heraus kam: Hungersteine sind Wasserstandmarkierungen in Flüssen - wenn die Wasserstände sinken, tauchen die Steine auf. Sie sind mit Inschriften versehen, stammen meist aus dem Mittelalter und machen deutlich, welche existenziellen Folgen Niedrigwasserstände damals für die Menschen hatten.

Denn wenig Wasser in Flüssen bedeutete Dürre, schlechte Ernten und in letzter Konsequenz Hungersnöte. Einer der bekanntesten Hungersteine der Elbe, die in Deutschland durch Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein fließt, liegt in Tschechien. Wenn der Wasserstand dort sinkt, ist die Inschrift „Wenn du mich siehst, dann weine“ auf dem Stein zu lesen.

„Als ich wusste, was Hungersteine sind, hatte es mich auch schon gepackt“, sagt Andrea Schmidt. Sie wollte diese alte Tradition in Bleckede bewahren und machte sich direkt an die Arbeit. „Wobei mir am Anfang aber nicht klar war, wie viel Arbeit das werden würde“, sagt sie. Schließlich habe sie nicht „einfach so“ einen großen Stein am Elbufer versenken können. Die Position musste in die Schifffahrtskarten eingetragen werden und deshalb genau mit dem Bürgeramt und dem Schifffahrtsamt abgestimmt sein.

Ein Gemeinschaftsprojekt

Aber zuallererst musste ein großer Stein mit Inschrift her. Diese Aufgabe wurde schnell zum Gemeinschaftsprojekt. „Ich habe erst mal in Bleckede rumgefragt, wer denn so einen großen Stein hätte. Den hat man ja schließlich nicht einfach so im Vorgarten rumliegen“, sagt Andrea Schmidt.

Aus einem Vorgarten kam der Bleckeder Hungerstein dann aber tatsächlich - ein junges Ehepaar aus der Stadt, Anja und Silvio Ullmann, hatten einen ungeliebten Findling vor ihrem Haus liegen und boten ihn Andrea Schmidt als Hungerstein an. „Dann habe ich mit unserem Steinmetz gesprochen und gefragt, ob er den Spruch einmeißeln würde.“

Und dann bot auch noch ein örtliches Bauunternehmen einen Kran an, um den Hungerstein in die Elbe zu heben. „Alle Helfenden haben alles kostenlos gemacht. Am Ende hat ganz Bleckede zusammengearbeitet“, sagt Andrea Schmidt begeistert.

Die Not von früher ist nicht mehr da

Die Inschrift des Bleckeder Hungersteins wurde dann weniger apokalyptisch als im Mittelalter üblich: „Gehe ich unter, ist das Leben bunter“, ist bei Niedrigwasser auf ihm zu lesen. Das hatte sich Andrea Schmidt auch genau überlegt: „Wir haben heute alles, was wir brauchen, auch bei Niedrigwasser.“

Zu sehen ist der Bleckeder Hungerstein mittlerweile fast jedes Jahr für ein paar Tage, meistens im Juli oder August, wenn es längere Zeit trocken ist. Zum ersten Mal gesichtet wurde er 2018, drei Jahre nach dem Einsetzen. Zu diesem Anlass hatte Andrea Schmidt dann auch ein kleines „Hungerstein-Fest“ veranstaltet.

„Es ist natürlich trotzdem eine traurige Angelegenheit, wenn man den Hungerstein sieht. Die Natur leidet ja trotzdem“, sagt sie. Dennoch habe das nicht mehr die gleichen Konsequenzen wie früher. „Daran haben wir sehr viel gedacht bei unserem Fest und wollten so unsere Dankbarkeit ausdrücken, dafür, was wir alles haben“, erklärt sie. Und sich ein bisschen dafür feiern, dass so eine spontane Idee mit tatkräftiger Hilfe von allen umgesetzt wurde - das gehört doch auch dazu.

Von Hannah Reinhard (epd)