„Hier gehen die Türen nicht zu, sondern auf“, sagt Christian Ceconi, der theologische Vorstand der Berliner Stadtmission. Ceconi steht vor der Ambulanz der Stadtmission, wenige Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Am Donnerstag sind hier dreimonatige Renovierungsarbeiten beendet worden. In den Pflegezimmern stehen insgesamt acht Betten, sechs für Männer und zwei für Frauen. Das Besondere: Hier wird Patientinnen und Patienten geholfen, die keine Krankenversicherung haben.
Ute Rastert ist die Leiterin der Ambulanz, die es seit 2013 gibt. Ursprünglich sei die Idee gewesen, Menschen, die erkältet sind, einen Ort zu geben. Während der ganzjährigen Versorgung sei immer noch die Kältesaison am intensivsten, auch wegen Erkrankungen wie Bronchitis, sagt Rastert. Aber auch infizierte und chronische Wunden oder Verletzungen des Bewegungsapparates gehörten zu den Krankheitsbildern.
Eine Ärztin und eine Pflegefachkraft kümmern sich hauptamtlich um die Patientinnen und Patienten, am Wochenende kommt eine ehrenamtlich tätige Ärztin. In der zweimal pro Woche stattfindenden Sprechstunde werden Neuankömmlinge untersucht, eine Diagnose wird gestellt. Kommt die Ärztin zu dem Schluss, dass eine Krankheit vorliegt, die eine saubere und warme Umgebung benötigt, wird der Person ein Pflegebett angeboten. Rastert spricht von einem niedrigschwelligen Ansatz, das heißt, in der Ambulanz können etwa keine Herzinfarkte behandelt werden.
Knapp 1.500 Übernachtungen
Dennoch kommt es mittlerweile zu Fällen, in denen Menschen beim Sterben palliativ begleitet werden. Uli Neugebauer, Leiter der Kältehilfe der Stadtmission, kennt solche Fälle. „Die sagen: Schmeißt mich nicht raus, ich möchte nicht da draußen sterben.“ Andere gehen, obwohl sie bleiben sollten. „Es gibt Leute, wo ich sage: Der Fuß ist verfault, du musst vier Wochen hier sein. Und sie machen es nicht“, sagt Neugebauer. Die meisten Patientinnen und Patienten haben eine Liegedauer von drei Tagen bis drei Wochen. Knapp 1.500 Übernachtungen konnte die Ambulanz im vergangenen Jahr verzeichnen.
Neugebauer beobachtet einen Trend in der Obdachlosigkeit, der ihm Sorge bereitet. In den 1970er, 80er Jahren seien Obdachlose vielleicht zwei bis drei Jahre auf der Straße gewesen. Heute seien es häufig 15 Jahre, sagt er. Einen Grund sieht er dafür unter anderem im Wohnungsmangel.
Vom Patient zum Helfer
Vorstand Ceconi sagt, in der Ambulanz könne beobachtet werden, wie täglich wieder Hoffnung entsteht. Ein Beispiel dafür ist Eckehard Woiton. Der 70-Jährige war im vergangenen Jahr sechs bis sieben Wochen hier, erzählt er, vor und nach einer Operation an der Wirbelsäule. „Charité geh ich nur rein, wenn ich sterben will“, berlinert er. Er habe dann auch noch einen Schlaganfall gehabt, von dem er sich aber den Umständen entsprechend gut erholt habe. „Ich kann meine Hände bewegen, aber keine Zigarette.“ Woiton sagt, er wüsste nicht, wo manche landen würden, wenn es die Ambulanz nicht gäbe.
Mittlerweile ist Woiton selbst Ehrenamtlicher und kocht nebenan in der Logistikküche: „Die haben mir so geholfen, da hab ich gesagt: Ich will auch helfen.“