In der DDR boten Plattenbausiedlungen einen gewissen Komfort: Fernheizung statt Kohleofen in sanierungsbedürftigem Altbau, ein eigenes Bad und fließend warmes Wasser. Für viele Menschen war das damals etwas Besonderes. Zeitzeuge Klaus Glatzel aus Leipzig sagt: „Wir waren stolz, so eine Wohnung zu haben.“ Er war mit seiner Frau Brigitte 1984 nach Leipzig-Grünau gezogen, in die siebte Etage eines Neubaublocks.
Eine Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig erzählt vom Wohngefühl in der „Platte“ in den 1970er und 1980er Jahren und von verbindenden Nachbarschaften. Von Freitag an blickt sie auf die Zeit, als DDR-Neubaugebiete noch Baustellen waren, sowie auf den Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner. Laut Kuratorin Anne Meinzenbach wird am Beispiel von Leipzig-Grünau von „Wohnträumen, Nachbarschaft und Wandel“ erzählt.
Exponate aus privaten Sammlungen
Ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner hätten ihre Privatsammlungen geöffnet, sagt die Kuratorin. Zu sehen sind in der Ausstellung bis zum 17. Januar deren Fotoalben, Dokumente und Erinnerungsstücke. Anlass ist die Grundsteinlegung für das Plattenbaugebiet in Leipzig-Grünau vor 50 Jahren.
Glatzel ist tanzend mit seiner Ehefrau auf Plakaten der Leipziger Ausstellung zu sehen. Das historische Foto stehe für das Lebensgefühl vieler Menschen, die eine der begehrten Neubauwohnungen erhalten hatten, sagt Kuratorin Meinzenbach.
Lebendige Hausgemeinschaft
„Bei uns war immer was los“, sagt der 85-jährige Klaus Glatzel, der nicht nur gern tanzt, sondern auch Akkordeon spielt. Aus einer anfänglichen Silvesterfeier habe sich eine lebendige Hausgemeinschaft geformt. Gemeinsam mit den Nachbarn hätten sie einen Abstellraum im Keller zum Partyraum umgebaut. Kinderfest, Karneval, Sommerfest - Gründe, sich zu treffen, gab es regelmäßig.
„Wir haben in einem so schönen Haus gewohnt“, sagt Glatzel und hat dabei wohl vor allem die Gemeinschaft im Kopf. Der Wohnblock, in dem die Glatzels bis 1992 lebten, wurde allerdings inzwischen abgerissen. Doch seit 2007 wohnt das Ehepaar wieder in Grünau. Vor allem Brigitte Glatzel hatte den Wunsch, in das Plattenbaugebiet zurückzukehren. Es sei dort leicht, Kontakte zu knüpfen, sagt die 83-Jährige: „Die Gespräche sind sofort da.“
Neue Wohnmodelle
In der Ausstellung wird laut Meinzenbach der „Wandel vom begehrten Wohnraum in der DDR über Leerstand und Rückbau nach 1990 bis zur erneuten Aufmerksamkeit angesichts des Wohnungsbedarfs“ dargestellt. Ein Thema ist auch das sogenannte Nukleuswohnen, das Forschende aus Aachen derzeit in Leipzig-Grünau erproben.
Beteiligte erhalten jeweils eine kleine Kernwohnung - den sogenannten Nukleus - mit Küche und Bad. Zusätzliche Zimmer können je nach Bedarf ohne Umbau hinzugefügt werden. Laut Meinzenbach wird das standardisierte Grundrisssystem WBS 70 zum flexiblen Wohnraum. Mit dem Projekt ist in einen leer stehenden Plattenbau neues Leben eingekehrt.
Die Ausstellung ordnet die Geschichte von Leipzig-Grünau in die Entwicklung von Großwohnsiedlungen in Ost- und Westdeutschland ein. Zu sehen sind auch Fotos von „Suhl-Nord“, einem ehemaligen Plattenbaugebiet in der südthüringischen Stadt Suhl, das komplett abgetragen wurde. Grund dafür war der drastische Rückgang der Einwohnerzahl.
Auch in Leipzig-Grünau hat sich die Zahl der Bewohnerinnen und Bewohner deutlich reduziert. Zeitweise lebten dort rund 85.000 Menschen, heute sind es noch fast 50.000.