Meisterwerk italienischer Frührenaissance wird aufwendig restauriert
Berlin (epd).

„Was Sie hier sehen, ist eine Trümmerlandschaft.“ Anja Wolf deutet auf hellblaue Farbpartikel auf einem Gemälde. Die etwa hundertfache Vergrößerung der Bildoberfläche präsentiert sich auf dem Bildschirm wie eine in Tausend Stücke zersprungene Glasscheibe. In den kommenden zwei Jahren will Wolf als Restauratorin der Berliner Gemäldegalerie „Die Anbetung im Walde“ des Malers Filippo Lippi (1406-1469) wieder im alten Glanz erscheinen lassen. Das mehr als 560 Jahre alte Meisterwerk der italienischen Frührenaissance ist eines der „Spitzenwerke“ der Gemäldegalerie, wie Museumsdirektorin Dagmar Hirschfelder am Dienstag in Berlin zur Vorstellung des Projektes erläutert.

Ermöglicht wird die Restaurierung durch die Ernst von Siemens Kunststiftung und die Schoof’sche Stiftung. Sie unterstützen das Projekt mit jeweils einem niedrigen sechsstelligen Betrag. Neben dem Gehalt der Restauratorin sollen damit auch weitere Ausgaben finanziert werden. Ziel ist es, altersbedingte Schäden wie abgeplatzte Farbpartikel und Mikrorisse an dem Gemälde zu beheben und die Leuchtkraft der Farben wiederherzustellen.

Schäden schon vor drei Jahren entdeckt

Das 129 mal 118 Zentimeter große Gemälde präsentiert sich in der Restaurierungswerkstatt in eher nachgedunkelten Farbtönen. Schuld daran ist vor allem der gealterte Firnis, mit dem die Temperafarben im 19. Jahrhundert überstrichen wurden. Inzwischen ist der vermutlich aus Naturharz bestehende und einstmals farblose Anstrich gegilbt und brüchig. Die Schäden waren im Zuge einer Neurahmung des Bildes 2023 entdeckt worden.

Für Wolf beginnt jetzt die Detektivarbeit. Zunächst müssen passende „Ablöse- und Festigungsmittel“ gefunden werden. Der alte Firnis soll von den Farbpartikeln gelöst, der Farbauftrag auf dem Holzuntergrund belassen werden. Dazu will sie sich vom Bildrand langsam aus vorarbeiten. „Ich schaue mit großem Respekt auf diese Aufgabe“, sagt die 52-jährige, erfahrene Restauratorin.

Zahlreiche technische Hilfsmittel

Dabei kann sie auch auf Kolleginnen und Kollegen etwa in Italien und den USA bauen. Filippo Lippi gilt als gut erforscht. Zudem kann sie auf allerlei technische Hilfsmittel zurückgreifen. So stehen ihr neben einem leistungsstarken Mikroskop mit bis zu 160-facher Vergrößerung diverse strahlendiagnostische Methoden zur Verfügung, wie die Röntgen- und UV-Fluoreszenz-Aufnahme oder die Infrarotreflektografie. Die Materialanalysen werden unter anderem vom Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin durchgeführt. Hirschfelder hofft dabei auf neue Erkenntnisse zur Arbeitsweise, zu den verwendeten Materialien und zur Entstehung des Werkes.

Das Gemälde „Die Anbetung im Walde“ stammt aus dem Jahr 1459. Sein Maler Filippo Lippi zählte zu den bedeutendsten Malern von Florenz und galt als Lieblingsmaler der Medici, der florentinischen Herrscherfamilie. Lippis berühmtester Schüler war Sandro Boticelli (1445-1510).

Gemälde stammt aus Medici-Kapelle

Das Gemälde zeigt die Jungfrau Maria, ihr neugeborenes Kind verehrend, in einem Wald. Darüber ist Gottvater, der Heilige Geist in Form einer Taube und der junge Johannes der Täufer zu sehen. Die Blumen im Vordergrund stammen möglicherweise vom 14-jährigen Botticelli, der damals in der Werkstatt Lippis arbeitete.

Das einstige Altarbild aus der Kapelle des Palazzo Medici in Florenz gelangte 1821 nach Berlin. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) hatte es im Rahmen des Ankaufs der Sammlung des englischen Kunsthändlers Edward Solly (1776-1848) erworben.

Überraschungen nicht ausgeschlossen

Seit der Eröffnung des Königlichen Museums im Jahr 1830 gehörte es zu den bedeutendsten Werken der Gemäldegalerie. In Florenz wurde das Altarbild vermutlich schon vor mehr als 500 Jahren durch eine zeitgenössische Kopie ersetzt.

„Ich weiss nicht, ob mir zwei Jahre reichen“, sagt Wolf zu der vor ihr stehenden Aufgabe. „Es kann immer Überraschungen geben.“ Im Anschluss sollen das restaurierte Werk und die Forschungsergebnisse in einer Tagung und in einer Ausstellung präsentiert werden.

Von Lukas Philippi (epd)