Kloster Anrode: Großdenkmal im Wartestand
Anrode (epd).

Ein alter Karren liegt im Kirchenschiff. Im Abteigebäude erinnert eine vergessene Kunststofflampe im DDR-Design an die Wohnnutzung der Abtei bis in die 1990er Jahre. Zwei lebensgroße Holzskulpturen lehnen an der Rückwand des ehemaligen Nonnenhauses. „Die sollen wohl von hier stammen“, sagt der örtliche Landtagsabgeordnete und Vorsitzende des Förderkreises Kloster Anrode, Jonas Urbach (CDU). „Sie wurden uns neulich aus der Kirche in Dingelstädt gebracht.“

In den vergangenen drei Jahrzehnten gab es manche Untersuchungen, doch vieles im riesigen Klosterkomplex im südlichen Eichsfeld ist noch unerforscht. Das Ensemble ins Blick genommen haben vor allem Heimatgeschichtler, die Denkmalpflege und der Förderverein, aber auch die Bauhaus-Universität war mehrfach hier.

Im Bauernkrieg weitgehend zerstört

Die Geschichte des Klosters reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Nach der Ansiedlung von Zisterzienserinnen ab 1267 entwickelte sich Anrode zu einem bedeutenden Kloster mit großem Landbesitz. Doch nach wirtschaftlicher und geistlicher Blüte wurde die Anlage durch Pest und Verschuldung geschwächt, im Bauernkrieg 1525 geplündert und weitgehend zerstört. Der Wiederaufbau zog sich bis ins späte 16. Jahrhundert.

„Wir haben hier 10.000 Quadratmeter Innenfläche“, sagt Urbach, verteilt auf ein Dutzend Gebäude. Mit der Säkularisation endete erst 1810 nach mehr als fünf Jahrhunderten das klösterliche Leben. Die Gebäude wurden verkauft und als landwirtschaftliches Gut genutzt. Ab 1959 produzierte ein Zweigbetrieb des VEB Sponeta Schlotheim Seilerwaren und Netze und hinterließ wie auch schon die Gutsherren zuvor deutliche Spuren an der wertvollen Bausubstanz.

Sanierung ist für die Kommune nicht leistbar

Heute gehört die Anlage der 12.000 Einwohner zählenden Landgemeinde Dingelstädt, die sie vor drei Jahren von der aufgelösten Gemeinde Anrode übernommen hat. Bürgermeister Andreas Fernkorn (CDU) sieht die Kommune in der Verantwortung. Er betont, eine vollständige Sanierung sei ohne externe Mittel nicht zu stemmen. Die Kosten dürften im deutlich zweistelligen Millionenbereich liegen.

Dennoch wurde in den vergangenen Jahrzehnten viel erreicht. Die Anlage beherbergt ein kleines Museum des Fördervereins, das über ein Münzautomatenschloss zugänglich ist. Die restaurierte Bauernscheune wird für Gesellschaften und Hochzeiten genutzt, der ehemalige Speisesaal wurde saniert und soll künftig als Außenstelle des Standesamtes dienen. Auch die Torhäuser sind restauriert.

Gesamtkonzept sucht nach Nutzungsmöglichkeiten

Was fehlt, ist ein Gesamtkonzept. Die Landgemeinde hat Fördermittel für einen Ideenwettbewerb eingeworben. Die Landesentwicklungsgesellschaft soll ein Konzept erarbeiten, das mögliche tragfähige Nutzungen untersucht und als Grundlage für weitere Entscheidungen und Förderanträge dient. Bürgermeister Fernkorn vergleicht den Prozess mit der Suche nach einer Nachnutzung von Schloss Reinhardsbrunn bei Gotha durch den Freistaat.

Auch der Förderverein unterstützt den Ansatz. Bislang wird das Kloster vor allem durch Ehrenamtliche belebt. Gemeinsam mit anderen Vereinen organisieren sie den Tag des offenen Denkmals und den Weihnachtsmarkt am dritten Advent. Das größte Bikertreffen der Region findet jedes Jahr im Juli statt und im Sommerhalbjahr jeden zweiten Samstag ein kleiner Bauernmarkt. Entscheidend sei eine Nutzung, die der kulturgeschichtlichen Bedeutung des Klosters gerecht werde.

Kloster Volkenroda als Vorbild und Konkurrenz

„Grundsätzlich ist vieles denkbar“, sagt Urbach. Vorstellbar seien ein Hotel, ein geistliches Zentrum, eine Bildungsstätte oder ein Ort für soziale Projekte. Im ehemaligen Zisterzienserkloster Volkenroda sei all das in den vergangenen 30 Jahren erfolgreich entwickelt worden. Einerseits mache genau dieses Beispiel Mut, sagt der Vorsitzende des Fördervereins. Andererseits grenze dieser Erfolg die Überlegungen für Anrode auch ein wenig ein. Schließlich liege Volkenroda nur 30 Kilometer entfernt.

Von Matthias Thüsing (epd)