Im Gästebuch des vergangenen Jahres stecken kleine, weiße Lesestreifen. Jeder Zettel markiert eine Anregung oder eine Kritik, der nachgegangen werden soll. „Wir werten alle Einträge aus“, sagt der Direktor der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, Reinhard Laube: „Gästebücher haben für uns und viele andere Museen eine wichtige Funktion. Sie sammeln Rückmeldungen unserer Besucher ein.“ Die Kommentare verraten ihm und seinem Team, was Gäste wollen, was sie vermissen und auch, was sie ablehnen. „Zu kalt, zu warm, alles toll, langweilig, Eintritt zu hoch oder die Erklärungen fehlen - wir finden in den Gästebüchern die ganze Bandbreite an möglichen Rückmeldungen“, sagt Laube.
„Die Bibliothek ist schön - Lesen auch“, hat eine junge Frau als Meinungsbekundung hinterlassen. So banal - und richtig - dieser Satz auch sei, für Laube macht die kleine Zeichnung einer schmökernden Frau diesen Eintrag so besonders. Für ihn sind gerade auch solche Einträge wertvoll. „Das sind emotionale Rückmeldungen. Sie zeigen, dass die Bibliothek in unseren Gästen etwas ausgelöst hat“, sagt er: „Genau das ist unser Auftrag. Die Bindung der Bevölkerung an die kulturelle Überlieferung.“
Umsteuern im laufenden Betrieb
Ein Gästebuch liegt auch im Kassenbereich des herzoglichen Museums der Friedenstein Stiftung Gotha aus. Zusätzlich erhalte jede Sonderausstellung ein eigenes Exemplar, sagt Stiftungssprecherin Susanne Finne-Hörr. „Für unsere Kuratoren und Kuratorinnen sind die Rückmeldungen der Gäste bezüglich künftiger Ausstellungen wichtig“, sagt sie. So lasse sich feststellen, was gut ankommt und was vielleicht verzichtbar ist.
Auch auf dem Friedenstein wird mit den Büchern gearbeitet - und das nicht erst, wenn die Ausstellungen beendet sind. Regelmäßig schaue ein Museumsmitarbeiter nach Anregungen etwa zur Position von Texten zu den Exponaten, zur Ausleuchtung, zur Sauberkeit oder zur Freundlichkeit des Personals. Nicht selten steuerten die Kuratoren dann schon im laufenden Ausstellungsbetrieb nach.
Lange Tradition
Gästebücher in Museen haben dabei eine lange Tradition, auch wenn sich die Bedeutung im Verlauf der Jahrhunderte etwas verschoben hat. In der heutigen Anna-Amalia-Bibliothek liegen Besucher-Bücher schon seit 1744 aus. Damals residierte die Einrichtung noch im Stadtschloss. Jeder Eintrag in dieser Zeit diente dem Gastgeber als diplomatischer Beleg für das eigene Netzwerk.
„Die adeligen Höfe mussten für Fremde attraktiv sein“, erklärt Laube. „Es gab eine regelrechte Reiseliteratur über den Besuch solcher Residenzen.“ Der Fremde habe in den Gästebüchern blättern und darüber schreiben sollen, was er gesehen hat und wer schon hier gewesen war. Für Laube war dies weit mehr als eine frühe touristische Spielerei: „Wer als Adelshaus ebenbürtig sein und womöglich im Rang aufsteigen wollte, musste seine Schätze bestmöglich präsentieren und seine Wunderkammern der Öffentlichkeit zugänglich machen.“
Einträge wurden individueller
Anfangs wurde nur der Name und das Datum des Besuchs erfasst. Individuelle Einträge kamen erst später hinzu. Daher reichten der Anna-Amalia-Bibliothek auch sieben Bücher für die ersten 175 Jahre. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wandelte sich das. Einträge wurden individueller - bis hin zum heute bekannten Klassiker wie etwa „Jonas war hier“.
Der Leiter im Haus der Demokratie in Weimar, Stefan Zänker, sieht auch solche, eher nichtssagenden Einträge positiv: „Unser Gästebuch erfüllt letztlich ein Bedürfnis der Besucher unserer Ausstellungen.“ Er schaut nahezu täglich hinein und ist überrascht von der positiven Resonanz. Geschätzt vier von fünf Einträgen seien konstruktiv, wohlwollend und oft hilfreich. „Wir sind bereits auf inhaltliche Fehler hingewiesen worden, die uns selbst nicht bewusst waren“, sagt Zänker.
Bisweilen skurril
Und bisweilen sind die Rückmeldungen in den Gästebüchern sogar skurril. Dem Personal auf dem Friedenstein ist jedenfalls bis heute ein ganz besonderer Eintrag vom 6. Dezember 2015 in Erinnerung geblieben: „Wir hatten hier unvergessliche Stunden und eventuell unser Kind hier gezeugt. Alex und Gabi.“ Der damalige Stiftungsdirektor Martin Eberle hat daraufhin einen öffentlichen Aufruf gestartet: „Wo sind Gabi und Alex, wo ihr Baby?“ Sie haben sich nie gemeldet.