Das Weiße Gold in Thüringen verliert seinen Glanz
Erfurt (epd).

Kahla Porzellan wird nach mehr als 180 Jahren die Produktion zum Jahresende einstellen. Damit endet ein weiteres Stück jener Industriegeschichte, die das Gebiet des heutigen Thüringens einst zum wichtigsten deutschen Porzellanstandort machte. Als Hauptgrund nennt Insolvenzverwalter Rolf Rombach Ende September in einer Pressemitteilung die hohen Energiekosten.

Die Geschichte des „Weißen Goldes“ im grünen Herzen Deutschlands begann Mitte des 18. Jahrhunderts. Nachdem im sächsischen Meißen das europäische Porzellan erfunden worden war, gelang es in Thüringen Georg Heinrich Macheleid (1723-1801), das Verfahren nachzuentwickeln. Paradoxerweise machten damals gerade die Energiekosten die Produktion in den thüringischen Landen rentabel.

Reichtum an Holz, Wasser, Kaolin und ausgebildeten Arbeitskräften

„Thüringen bot in vielerlei Hinsicht günstige Voraussetzungen“, sagt die Direktorin des Porzellanmuseums auf der Leuchtenburg bei Kahla, Ulrike Kaiser: „In Süd- und Ostthüringen gab es kaolinisierte Gesteine sowie Quarz und Feldspat. Besonders wichtig war der Reichtum an Holz für die Brennöfen.“ Wasserkraft habe die Massemühlen angetrieben. Die Porzellanindustrie habe zudem an die ältere Glasindustrie des Thüringer Waldes anknüpfen können, die ebenfalls Holz als Brennstoff nutzte und Wissen und Arbeitskräfte bereitstellte.

1757 entstand in Gotha die erste Manufaktur. Veilsdorf, Wallendorf, Limbach, Rauenstein, Ilmenau und Blankenhain folgten kurz darauf. Die kleinen „Thüringischen Staaten“ förderten die neue Industrie. Verbesserte Brennverfahren, Arbeitsteilung und neue Transportwege ermöglichten bald die Produktion größerer Mengen. Betriebe spezialisierten sich auf Geschirr, Figuren, Dekore oder einzelne Produktionsschritte. Thüringer Porzellan ging in alle Welt.

1895 zählte die Branche im heutigen Thüringen 878 Betriebe

Die Rudolstädter Kustodin am Schlossmuseum Heidecksburg und Mitglied in der Initiative „Thüringer Porzellanerbe“, Jeanette Lauterbach, weiß von 1.536 Porzellanbetrieben, die 1895 im Deutschen Reich existierten. „Alleine 878 davon lagen in Thüringen.“ Von mehr als 34.600 Beschäftigten in dieser Branche deutschlandweit arbeiteten damals mehr als 15.700 auf dem Gebiet des heutigen Thüringens. Thüringen war damals das Zentrum der deutschen Porzellanindustrie.

Der anschließende Niedergang begann schleichend. Fabriken verschwanden, andere wurden größer. Ein harter Wettbewerb um Preise, Märkte und Produktionskosten setzte ein. Vor allem die Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929 und die Verstaatlichung der Betriebe nach 1945 bereinigten den Markt. Kahla jedoch wurde zum Mittelpunkt einer zentral gelenkten Industrie. 1979 gehörten 17 Porzellan- und Keramikbetriebe mit rund 18.000 Beschäftigten zum VEB Kombinat Feinkeramik Kahla. Produziert wurde für die DDR und den Export.

Gastronomie setzt weiter auf gutes Porzellan.

Mit der deutschen Einheit zerfiel dieses System. Absatzmärkte und Subventionen brachen weg. Die Betriebe mussten sich auf dem internationalen Markt behaupten. Kahla ging erstmals 1993 in Konkurs, wurde neu gegründet und setzte bis zur erneuten Pleite auf Design und Innovation. Nach einer zweiten Wiederbelebung 2020 folgt nun das endgültige Aus.

Als einen Grund für den Niedergang der Branche sieht Museumschefin Kaiser auch einen gesellschaftlichen Wandel, in dem ein gutes Service nicht mehr zur Grundausstattung eines bürgerlichen Haushalts gehört. Es fehle derzeit an Nachfrage. Abschreiben möchte sie Thüringen als Porzellanland allerdings nicht. „Bei der Industriekeramik gehören wir mit zwar wenigen Betreiben immer noch zur Weltspitze“, sagt sie. Und auch die Gastronomie setze weiter auf gutes Porzellan.

Die Initiative „Thüringer Porzellanerbe“ bewertet den Standort kritischer. Mit bald nur noch drei klassischen Porzellanbetrieben sei die Branche auf Einzelstandorte geschrumpft, sagt Lauterbach. Nun gelte es, Maschinen, Formen, Werkzeuge und Wissen zu bewahren. Dafür fehle es vielfach an Fachwissen und Personal. Stattdessen seien bei Insolvenzen nach 1989 ganze Maschinenparks verschleudert worden, kritisierte die Initiative im Februar 2026. Es brauche einen Bewusstseinswandel für diesen wichtigen Bereich der Thüringer Industriekultur.

Von Matthias Thüsing (epd)