Vor etwa 750 Jahren vollendete die Mystikerin Mechthild von Magdeburg (1207-1282) im Kloster Helfta bei Eisleben ihr Buch „Das fließende Licht der Gottheit“. In den Schutz der Klostermauern war Mechthild im Alter von etwa 60 Jahren gegangen und unterrichtete die Nonnen, berichtet Maria Faber, die stellvertretende Vorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands in Sachsen-Anhalt.
„Mechthild von Magdeburg spielt eine bedeutende Rolle für unser Bistum“, sagt Bischof Gerhard Feige. Um ihr Werk der Öffentlichkeit und Forschenden zugänglich zu machen, wird er den säuberlich gebundenen und in weißes Leder eingeschlagenen Nachdruck des Mechthild-Codex am Mittwoch den Magdeburger Museen übergeben. Das Buch soll künftig im Kulturhistorischen Museum aufbewahrt werden. „Heute wie damals erheben sich Menschen, um für die Verängstigten und Armen der Zeit einzustehen. Gott sei Dank und wie gut, dass Mechthilds Werk in Magdeburg wieder Raum nimmt“, ergänzt Feige.
Erstmals ein theologisches Werk in deutscher Sprache
Bevor Mechthild nach Helfta ging, lebte und wirkte sie als Begine etwa vier Jahrzehnte in der Erzbischofsstadt Magdeburg. Beginen waren unabhängig und lebten zumeist in kleinen Gemeinschaften, sagt Faber. Oft kümmerten sie sich um Kranke, versorgten Arme und pflegten Sterbende. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie nicht selten durch Weben, Nähen oder andere Handarbeiten.
Schon als Zwölfjährige soll Mechthild ein mystisches Erlebnis gehabt haben und „in überaus seligem Fließen vom heiligen Geiste gegrüßt“ worden sein, wie sie später notiert hat. Auf Anraten ihres Beichtvaters begann sie ab etwa 1250, ihre Eindrücke niederzuschreiben. „Erstmals wurde ein theologisches Werk in deutscher Sprache verfasst“, verdeutlicht Maria Faber die Besonderheit.
„Die Wahrheit kann man nicht verbrennen!“
Mechthilds Werk verband ihre Eindrücke mit der Geschichte der Bischofsstadt und bot zugleich Einblick in die Lebenswelt der Frauen im 13. Jahrhundert. Bereits zu ihren Lebzeiten wurde das Werk abgeschrieben und weitergegeben. „Ihre Worte verbreiten Heilung, Zuversicht und Klarheit“, sagt Faber.
Als die Begine einmal hin- und hergerissen war, ob sie weiter schreiben sollte, sprach Gott zu ihr: „Meine Liebe, betrübe Dich nicht zu sehr. Die Wahrheit kann man nicht verbrennen!“, zitiert Mechthild-Expertin Hildegard Keul von der Universität Würzburg aus dem Werk der Begine. Bereits im 13. Jahrhundert sei dies „ein Satz des Widerstands gegen unsägliche Machtzugriffe“ gewesen - und auch „heute noch gültig angesichts von Fake News und Lügen“, meint die Theologin Keul.
Alte Handschrift auf 442 Pergamentseiten
Das originale Werk Mechthilds blieb nicht erhalten. Doch in der Benediktinerabtei Einsiedeln in der Schweiz wurde eine mittelalterliche Abschrift aus den 1350er Jahren aufbewahrt, die auf 442 Pergamentseiten ihr Werk und einige kürzere weitere mystische Texte enthält.
Im Frühjahr 2025 kamen 17 Frauen aus Sachsen-Anhalt unter Leitung von Maria Faber auf den Spuren von Mechthilds Buch in die Schweiz. „Pater Justinus aus Einsiedeln begleitete uns ins nahe Kloster Au“, erzählt Faber. Dort wurden sie von der Priorin Felizitas und weiteren Schwestern begrüßt. Und es war ihnen möglich, in der mittelalterlichen Handschrift zu blättern und ein wenig zu lesen.
Originalgetreuer Nachdruck in weißes Leder gebunden
Dabei entstand die Idee, das Buch nachzudrucken. Das Binden übernahm eine der Pilgerinnen, die gelernte Buchbinderin Angelika Pohler in monatelanger Handarbeit. Den Einband aus weißem Leder schmückt ein Streifen aus Pergament, wie ein Strahl des fließenden Lichts.
Zwei dieser bibliophilen Schmuckstücke kamen im Sommer nach Sachsen-Anhalt: eines für das Kloster Helfta und das zweite nach Magdeburg - und somit an jene Orte, wo Mechthild zum Wohle der Menschen und zur Ehre Gottes gewirkt hatte.