Efeu schmiegt sich an kalte Bronze, drei Kränze aus grünen Blättern und zartrosa Rosen liegen oben auf. Vier Frauen beugen sich über die Glocken und schmücken sie konzentriert, fast ein wenig zärtlich. Auf dem Anhänger vor dem Altenhilfezentrum in Mahlsdorf, im Osten Berlins, befindet sich ungefähr eine Tonne Bronze, gegossen in drei Kirchenglocken, die gleich ihren Weg zur Kreuzkirche antreten. Die Zeit drängt. Am Sonntag sollen sie zum ersten Mal aus dem Turm erklingen.
Die „Friedensglocke“ ist mit fast 450 Kilogramm die größte der drei. Daneben stehen die „Gemeindeglocke“ und die kleinere „Vater-Unser-Glocke“. Auf jeder sind das Gussjahr 2026, ein Bibelvers und die Namen der Stifter festgehalten. Zwei Glocken wurden von jeweils einer Familie gespendet, eine von einer Einzelperson: 15.000 Euro für die große Glocke, 10.000 für die mittlere, 9.000 für die kleine. „Man kann sein Geld auch schlechter investieren“, zitiert Pfarrer Frank Grützmann, den Sohn einer Spenderfamilie und lächelt dabei.
Letztes Gebäude erhält wieder Bronzeglocken
Mit Kindergartenkindern, Gemeindemitgliedern und Anwohnern geht es jetzt, fünf Tage vor dem ersten Glockenschlag aus dem Kirchturm, über eine schnurgerade Straße zur Kirche, zur sogenannten „Glockeneinholung“. Vor der Kirche sammelt sich die Prozession aus ungefähr 150 Menschen.
Die evangelische Gemeinde Mahlsdorf hätte sich auf das Projekt gefreut, sagt ihr Pfarrer. Die Kirche ist das letzte der drei Gebäude der Gemeinde, das seine Bronzeglocken zurückerhält. Trotzdem ist diese Einholung eine Premiere: Aufgrund der Straße direkt vor dem Kirchturm werden die Glocken zum ersten Mal für alle sichtbar von außen an ihren Platz gehoben.
Die kleine Kreuzkirche in Mahlsdorf wirkt unscheinbar. Sie ist ein schlichter Bau, eher praktisch als prunkvoll. Der Turm mit seinen orangefarbenen Ziegeln fügt sich unauffällig in die Umgebung ein. Errichtet wurde das Gebäude 1935, ein Jahr später eingeweiht, damals noch mit drei Bronzeglocken. Schon 1942 wurden diese beschlagnahmt und für die Rüstungsproduktion eingeschmolzen.
Ersatzglocken aus Eisen
Der Ersatz kam erst Jahre später: drei Eisenhartgussglocken, eingebaut 1958. Jetzt stehen sie unten auf dem Grünstreifen vor dem Turm, dunkelrot vor Rost, ausgedient. Erst wenige Minuten vor Beginn der Einholung der neuen Glocken wurde das alte Geläut aus dem Turm bugsiert. Alles passiert an einem Tag. „Auch Kranwagen werden nach Tagen bezahlt“, sagt der Pfarrer grinsend über die Eile.
Jetzt hängt eine der neuen Glocken am Kran. Sie schwebt langsam nach oben. Für einen Moment wird sie noch einmal auf die Höhe des Pfarrers abgesenkt. Grützmann, der zu seinem schwarzen Talar nun einen gelben Baustellenhelm trägt, nimmt sich einen kleinen Hammer mit orangefarbenen Gummikappen, holt aus und schlägt gegen die Bronze. Ein klarer Ton erklingt. Wer ein absolutes Gehör hat, hört jetzt ein helles „C“. Für alle anderen klingt es nach Kirche.
Ein berührender Moment
Dann steigt sie hinauf in den Himmel, schaukelt kurz im Wind und verschwindet Stück für Stück unterm Dach des Turms; langsam, präzise, fast feierlich. Der Posaunenchor begleitet die Glocke mit dem Lied „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ an ihren Platz, eine nach der anderen.
„Es ist alles gut gegangen, das war aufregend“, sagt eine Frau, als auch die letzte Glocke oben ist. Andere nicken. „So etwas erlebt man nicht alle Tage.“ Eine Anwohnerin nennt den Moment „berührend“: Das gute Wetter, die vielen Menschen, der Blumenschmuck und die Musik hätten ihn besonders gemacht. Auch die Einweihung am Sonntag bei Kaffee und Sekt soll eindrucksvoll werden. Zum ersten Mal werden dann nach dem Gottesdienst die Klöppel in den drei neuen Bronzeglocken schwingen und das typische mehrstimmige Geläut erzeugen.
Neuer Platz für alte Glocke vor dem Kindergarten
Ganz verschwinden werden die alten Glocken nicht. Eine soll aufbereitet und vor dem Kindergarten an der Kreuzkirche aufgestellt werden. Eine andere wird, rostig wie sie ist, Teil der Grabstättengestaltung auf dem Friedhof. Die dritte bleibt auf dem Turm bei den neuen Glocken aus Bronze. Aber nicht mehr als Klangkörper. Das Denkmalamt hat es so verfügt. Vermutlich als Erinnerung daran, was verloren ging und was nun, zumindest klanglich, zurückgekehrt ist.