Der Dauerton nach dem Spektakel
Halberstadt (epd).

Ein Sprachengewirr aus Englisch, Französisch, Niederländisch und Deutsch. Halberstadt am nördlichen Harzrand in Sachsen-Anhalt ist an diesem 5. August das Epizentrum von Freunden Neuer Musik: Beim langsamsten Orgelstück der Welt wird ein weiterer Klangwechsel vollzogen, der nunmehr 17. Hunderte Cage-Fans wollen sich das seltene Schau- und Hörspiel nicht entgehen lassen und verfolgen es live in der Burchardikirche oder auf einer großen Leinwand davor. Doch was bleibt vom neuen Orgelton „a“, wenn die Gäste aus dem In- und Ausland wieder abgereist sind?

Statt des bisherigen Sieben- klingt nun ein Acht-Ton aus der Projektorgel. Der Unterschied durch das hinzugekommene „a“ erschließt sich nur bei sehr genauem Hinhören: Der Gesamtton erscheint jetzt ein klein wenig heller für die nächsten 14 Monate. Auf der Internetseite des Projekts können sich Interessierte den Klang anhören.

Mit menschlichen Dimensionen zu fassen?

Auf insgesamt 639 Jahre ist das Stück von John Cage (1912-1992) angelegt. Doch kann das „Organ2/ASLSP“(„As SLow aS Possible“) in menschlichen Dimensionen überhaupt als Musik wahrgenommen werden? Wenn der Schlussakkord am 4. September 2640 erklingen soll, wird niemand von heute mehr am Leben sein. Muss man das Stück nicht von Anfang bis Ende hören können, um es zu erfassen?

Der Berliner Komponist und Theologe Dieter Schnebel (1930-2018) antwortete vor Jahren quasi mit einer Gegenfrage. Der „Zeit“ sagte er im Jahre 2006: „So einem Einwand liegt die Vorstellung zugrunde, dass Musik etwas Zusammenhängendes sein müsse. Das ist ja sehr die Frage.“ Auch die John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt ist sich der Frage nach der Sinnhaftigkeit des Projekts bewusst.

Apfelbäumchen oder Flaschenpost?

Für die einen wurde „ein musikalisches Apfelbäumchen gepflanzt“, schreibt die Stiftung auf ihrer Homepage. Und: „Für die anderen ist es eine musikalische Flaschenpost nach der Idee eines amerikanischen Anarchisten, der dem Zen-Buddhismus nahestand“. Das Projekt sei gleichzeitig radikal, irritierend, offen und äußerst sanft.

Fakt ist aber auch, dass es große Aufmerksamkeit auf sich zieht. An diesem 5. August starren in Halberstadt Hunderte gebannt auf die Liveübertragung aus der Kirche. Die Anwesenden sind still und geradezu andächtig, als die neue Pfeife in die Projektorgel eingesetzt wird. Viele haben T-Shirts mit dem Aufdruck „Organ2/ASLSP“ an oder tragen entsprechende Jutebeutel. Sogar ein „final ticket“ wird angeboten - für natürlich 2.640 Euro. Fälschungssicher und vererbbar.

Die John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt ist auf solche Einnahmen angewiesen. Alle hinter dem Projekt stehenden Enthusiasten arbeiten ehrenamtlich. Die Stiftung hatte in der Vergangenheit auch mit finanziellen Problemen zu kämpfen. So hieß es etwa im Jahr 2022, dass das Eigenkapital nicht ausreiche, um die Kosten zu decken. Diese machten einen niedrigen sechsstelligen Betrag pro Jahr aus.

Ohne Förderung und unabhängig

Anneli Borgmann vom Kuratorium der Stiftung betont beim 17. Klangwechsel im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd), dass diese auch weiterhin ohne institutionelle Förderung auskommen müsse und wolle. Dies garantiere auch Unabhängigkeit in politisch turbulenten Zeiten. In Sachsen-Anhalt wird am 6. September ein neuer Landtag gewählt, einen Tag nach dem 25. Jahrestag des Cage-Projektstarts. Wahlumfragen sehen einen Sieg der im Bundesland vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuften AfD voraus. Kulturinstitutionen fürchten einen Kahlschlag im Kulturbereich und für zivilgesellschaftliche Initiativen.

Gerade einmal vier Prozent der gesamten Spieldauer wurden in den zurückliegenden 25 Jahren seit dem 5. September 2001 realisiert. Am 5. Oktober 2027 steht der nächste Klangwechsel an, dann der 18. Tonwechsel. Dann wird das „e“ verstummen, aus dem Acht- wird wieder ein Sieben-Ton-Klang. Vieles spricht dafür, dass das Projekt weiterhin große Aufmerksamkeit erfahren wird und sich auf eine treue Fangemeinde stützen kann. Der elektrisch betriebene Blasebalg jedenfalls leistet seinen Dienst Tag und Nacht.

Von Jens Büttner (epd)