Orientexperte, Humanist, „Schutzengel der Armenier“: Der evangelische Theologe Johannes Lepsius ist durch seinen Einsatz für die verfolgte christliche Minderheit im Osmanischen Reich weit über seinen Wirkungskreis in Deutschland und im Nahen Osten hinaus bekannt geworden. Er gründete ein Hilfswerk und dokumentierte den Völkermord an den Armeniern. Vor 100 Jahren, am 3. Februar 1926, starb er im Alter von 67 Jahren.
Johannes Lepsius wurde am 15. Dezember 1858 in Berlin geboren. Seine Mutter, Tochter eines Komponisten und einer Schriftstellerin, unterhielt dort einen Salon. Sein Vater gilt als Begründer der deutschen Ägyptologie, war Sprachwissenschaftler und Archäologe und ab 1855 Direktor des Ägyptischen Museums in Berlin. Für die Theologie entschied sich Johannes Lepsius erst nach einem Philosophie- und Mathematikstudium. Eine „praktische Kritik der Wirklichkeit“ werde seine Theologie sein, schrieb der Doktor der Philosophie 1881.
1896 erster Bericht über Massaker an Armeniern
Soziales Handeln und Lebensrettung „hier und jetzt“ seien Lepsius' Ziel gewesen, so hat der 2010 gestorbene Hallenser Theologie-Professor und Lepsius-Experte Hermann Goltz einmal die Haltung des Mannes beschrieben, der stets Kant und das Neue Testament zur Lektüre mit sich getragen habe.
1884 nimmt Johannes Lepsius in Jerusalem, damals Teil des Osmanischen Reiches, seine erste Stelle als Hilfsprediger und Lehrer an. 1895 erfährt der Theologe, inzwischen Pfarrer im Harz, von den seit dem Vorjahr laufenden Massakern an den Armeniern im Osmanischen Reich. Wenige Monate später macht er sich vor Ort selbst ein Bild. Nach seiner Rückkehr veröffentlicht Lepsius noch im Sommer 1896 einen Bericht darüber.
Anklageschrift gegen Großmächte
Auf mehr als 100.000 schätzt er in dem Buch „Armenien und Europa. Eine Anklageschrift wider die christlichen Großmächte und ein Aufruf an das christliche Deutschland“ die Zahl der Armenier, die „erschlagen, an ihren Wunden erlegen, auf der Flucht verschollen, an Hunger gestorben sind, Seuchen erlagen und unter dem Schnee des Winters in den Bergen begraben wurden“. Lepsius benennt 2.500 verwüstete Städte und Dörfer, 645 zerstörte Kirchen und Klöster der christlichen Minderheit, 559 zwangsweise zum Islam bekehrte Dörfer, 328 in Moscheen umgewandelte Kirchen.
Weil ihm die Magdeburger Kirchenleitung keinen weiteren Urlaub für seinen Einsatz für die Armenier gewährt, legt er sein Pfarramt nieder, geht im Frühjahr 1897 nach Berlin und gründet dort das Armenische Hilfswerk. Krankenhäuser, Schulen, Arbeitsstätten für die verfolgte Minderheit entstehen im Nahen Osten. 1908 verlegt er, in zweiter Ehe verheiratet und bis dahin Vater von zehn Kindern, Büro und Wohnsitz nach Potsdam. Ab 1912 beteiligt er sich an internationalen Verhandlungen für eine Unabhängigkeit der armenischen Gebiete im Osmanischen Reich.
Völkermord ab 1915
Der Erste Weltkrieg setzt allen Autonomieplänen ein Ende. Im Frühjahr 1915 beginnt, auch mit Wissen und zum Teil mit Beteiligung des deutschen Bündnispartners, ein Völkermord an den Armeniern, dem bis zu 1,5 Millionen Menschen zum Opfer fallen. Lepsius, der inzwischen über vielfältige Kontakte verfügt, versucht persönlich noch im Sommer erfolglos, den türkischen Kriegsminister Enver Pascha von dem Genozid abzubringen. 1916 stellt er eine Dokumentation zusammen. Der rund 300 Seiten umfassende „Bericht über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei“ wird von der deutschen Zensur verboten.
Dennoch erteilt das Auswärtige Amt zwei Jahre später dem längst international bekannten Lepsius den Auftrag, eine Dokumentensammlung über die Haltung der deutschen Regierung in der Armenierfrage zu publizieren. Die zur Verfügung gestellten Schriftstücke sind unvollständig. Die Dokumentation, die auf dieser Grundlage entsteht, wird im Ausland trotzdem als Beleg für die deutsche Beteiligung am Armenier-Genozid bewertet. Das Auswärtige Amt unterbindet die weitere Verbreitung.
Verschleppte Frauen
1921 wird in Berlin der frühere osmanische Innenminister Talaat Pascha von einem armenischen Studenten erschossen. Hauptgutachter im anschließenden Mordprozess ist Johannes Lepsius, der Attentäter wird freigesprochen. Danach widmet sich der Theologe vor allem seinem Armenischen Hilfswerk. Und er engagiert sich dafür, verschleppte und versklavte armenische Frauen mithilfe von Lösegeldern freizukaufen. Der rote Faden seines Lebens seien die „über das Nationale und Nationalistische herausragende Humanität“ und die Hilfe für die verfolgten Armenier gewesen, hat Hermann Goltz Lepsius' Haltung und Wirken zusammengefasst.
Der Schriftsteller Franz Werfel hat mit dem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ dem verzweifelten Widerstand gegen den Völkermord und auch dem Chronisten der Genozid-Verbrechen ein literarisches Denkmal gesetzt. Das Werk wurde 1934 kurz nach der Veröffentlichung von den Nationalsozialisten verboten. Lepsius selbst war bereits acht Jahre davor schwer krank im Kurort Meran gestorben. Er wurde auf dem evangelischen Friedhof der Stadt in Südtirol beigesetzt.