Brüsewitz-Bild muss überarbeitet werden
Magdeburg (epd).

Im August jährt sich die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz (1929-1976) in Zeitz (Sachsen-Anhalt) zum 50. Mal. Die DDR-Führung hatte 1976 versucht, den evangelischen Pfarrer als „Sonderling“ darzustellen, „der nicht mehr alle fünf Sinne beisammen hatte“, wie die „Magdeburger Volksstimme“ seinerzeit schrieb. Nach Einschätzung der Leiterin des Landesarchivs der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Christine Neuß, muss diese diffamierende Sicht gründlich revidiert werden. Vielmehr würden die mittlerweile rund 1.000 Seiten Akten zum „Fall Brüsewitz“ im Kirchenarchiv zeigen, dass Brüsewitz „ein freiheitssuchender, ja ich würde sogar sagen ein freiheitsgieriger Mensch“ gewesen sei, sagte Neuß dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Magdeburg.

Oskar Brüsewitz hatte am 18. August 1976 vor der Zeitzer Michaeliskirche im Stadtzentrum zwei Plakate auf das Dach seines Autos gestellt. Mit Sprüchen wie „Funkspruch an alle - Funkspruch an alle - Wir klagen den Kommunismus an wegen Unterdrückung der Kirchen in Schulen an Kindern und Jugendlichen“ machte er seinen Protest gegen die Kirchenpolitik des SED-Regimes deutlich.

Zündete sich selbst an

Im Anschluss übergoss sich der evangelische Pfarrer mit Benzin und zündete sich an. Obwohl Mitarbeiter der DDR-Stasi die Aktion schnell beendeten, starb Oskar Brüsewitz vier Tage später an seinen Verbrennungen.

Zur Vorbereitung des diesjährigen Brüsewitz-Gedenkens im Sommer wurde der ehemalige Leiter des EKM-Gemeindedienstes, Christian Fuhrmann, mit einer kritischen Sichtung des Aktenmaterials beauftragt. Laut Neuß spricht Fuhrmann „von einer notwendigen neuen Einordnung“ der Selbstverbrennung vom 18. August 1976. Zudem müsse die Sicht auf Pfarrer Oskar Brüsewitz auch theologisch neu bewertet werden.

Keine Kurzschlusshandlung

Die Akten legen nach Worten der Chefarchivarin nahe, dass die Selbsttötung weder eine Kurzschlusshandlung war, noch dass es sich Brüsewitz damit einfach gemacht hat. Er sei überzeugter Christ gewesen, der das Signal seiner Tat für stärker eingeschätzt habe, als sein eigenes Leben. In diesem Sinne sei er durchaus in Bezug zum Widerstand des NS-Gegners und Pfarrers Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) gegen das NS-Regime zu sehen, so Neuß.

In der Vergangenheit hatten einige Buchautoren und Kritiker den Eindruck erweckt, dass sich die damalige Leitung der evangelischen Kirche in der DDR von Brüsewitz distanziert, ihn förmlich „verraten“ hatte. Dem widerspricht der Rüsselsheimer Regisseur und Dokumentarfilmer Thomas Frickel entschieden.

Kirche stand zu Brüsewitz

Frickel hatte kurz nach der Grenzöffnung zu Jahresanfang 1990 mit Recherchen zu Oskar Brüsewitz in Zeitz begonnen. Er führte Gespräche mit Angehörigen, Pfarrkollegen, Nachbarn, Augenzeugen, Vertretern der Kirchenleitung und Mitarbeitern staatlicher Stellen. Ergänzend sah er Dokumente und Stasi-Akten ein. Es habe ein massives Interesse der DDR gegeben, dass sich die Kirche von Brüsewitz distanziert, berichtet Frickel: „Doch das hat man nicht gemacht.“ Das habe ihm auch der 2009 verstorbene damalige Bischof der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, Werner Krusche, bestätigt.

Hingegen gebe es umfangreiche Belege für jahrelange „Zersetzungsmaßnahmen“ und eine Rufmordkampagne der Stasi gegen Brüsewitz. Das wird auch in Frickels Film „Der Störenfried. Ermittlungen zu Oskar Brüsewitz“ von 1992 deutlich.

Archiv bekommt Material

Zum Tag der Archive am 8. März will der Filmemacher sein umfangreiches Material, auch persönliche Briefe, Fotos, Zeitungen sowie seine eigenen Ton- und Filmbänder mit zahlreichen Interviews dem Landeskirchenarchiv übergeben. „Solche zeitgenössischen Originale gehören in ein öffentliches Archiv“, sagt Frickel. So könne am besten gewährleistet werden, dass im Sinne von Oskar Brüsewitz das „Fanal von Zeitz“ von Wissenschaftlern und Medienvertretern möglichst objektiv betrachtet werden kann.

Von Thomas Nawrath (epd)