Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) appelliert an eine starke, selbstbewusste Europäische Union. Das vereinigte Europa müsse in der globalen Welt entschiedener und klarer werden. „Wir müssen unseren Standpunkt verteidigen“, sagte Merkel am Sonntag in ihrer Dankesrede bei der Verleihung des Leipziger Mendelssohn-Preises. Zudem müsse Europa das Wohlstandsversprechen einlösen. Andernfalls werde der Nationalismus gestärkt.
Die 72-jährige Merkel ist am Sonntag im Leipziger Gewandhaus mit dem Mendelssohn-Preis in der Kategorie „Europa“ geehrt worden. Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) betonte: Merkel habe sich stets von der humanistischen Idee leiten lassen und als frühere Bundeskanzlerin höchste Verantwortung übernommen. Sie werde für ihre „besonderen Verdienste um die Einigung und Integration Europas und dessen Zusammenhalt als Friedens- und Wertegemeinschaft“ gewürdigt.
Mit dem undotierten Preis in Erinnerung an Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) wurde zudem in der Kategorie „Musik“ der Klarinettist, Dirigent und Komponist Jörg Widmann für seine „herausragende künstlerische Leistung“ ausgezeichnet. Jung sagte: „Angela Merkel und Jörg Widmann stehen beide für Werte, die eng mit Mendelssohns Leben und Wirken verwoben sind: europäische Verständigung, kulturelle Offenheit und Verantwortung, künstlerische Vielseitigkeit und Exzellenz.“
Mendelssohn als bekennender Europäer
Merkel sagte, Mendelssohn sei „ein gutes Beispiel“ eines aufgeschlossenen Europäers gewesen. Obwohl er nur 38 Jahre alt wurde, sei er viel gereist, habe die europäische Kultur aufgenommen. „Er war ein Mensch, der global gedacht hat“, sagte sie. Seine Musik sei europäisch inspiriert.
Die ehemalige Bundeskanzlerin betonte: Europa sei immer „ein Mehrwert für uns.“ Es komme dabei auch darauf an, „sich in den Anderen hineinzuversetzen“ und nicht zu denken, alles schon zu wissen. „Andere haben auch beachtliche Argumente“, sagte Merkel. In ihrer Rede räumte die frühere Bundeskanzlerin zudem ein, dass junge Menschen Sorgen haben, ohne die aktuellen Proteste von „Gen Z regelt“ zu erwähnen.
Mendelssohn war Komponist, Pianist, Dirigent und bildender Künstler setzte er sich für kulturelle Verständigung und Toleranz ein. In Leipzig hatte er zwölf Jahre lang das Amt des Gewandhauskapellmeisters inne. Sein letztes Wohnhaus in der sächsischen Stadt ist heute ein Museum.
Mendelssohn-Festtage eröffnet
Mit der Preisverleihung im Rahmen eines Konzerts, an dem unter anderem auch der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und der Dirigent Daniel Barenboim teilnahmen, wurden die diesjährigen Mendelssohn-Festtage eröffnet. Bis zum 8. November sind knapp 20 Veranstaltungen geplant, darunter Konzerte, Vorträge und Führungen.
Der Mendelssohn-Preis wurde 2025 nach neunjähriger Pause erstmals wieder vergeben. Laut Jung wird mit der Auszeichnung an die „tiefe Humanität“ Mendelssohns erinnert, aber auch an die Ablehnung, die der Musiker und Komponist als Jude oft erfahren habe. Die Preisträger erhalten eine Miniatur der Bronzeplastik Mendelssohns von Jo Jastram. Das Original aus dem Jahr 1993 schmückt ein Foyer des Leipziger Gewandhauses.