Antisemitismus gehört einem Bericht zufolge seit dem Terrorüberfall der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 zum Alltag jüdischer Studierender an deutschen Hochschulen. „Seit dem 7. Oktober ist es nicht möglich an deutschen Hochschulen zu studieren, ohne Antisemitismus zu erfahren“, sagte der Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, Ron Dekel, am Dienstag in Berlin zur Vorstellung des 15. Zivilgesellschaftlichen Lagebilds Antisemitismus der Amadeu Antonio Stiftung. Viele antisemitische Vorfälle an Hochschulen würden nie öffentlich aus Angst, dass die Situation dadurch noch schlimmer wird.
Die Amadeu Antonio Stiftung startete am Dienstag die 23. Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus. Schwerpunktthema ist der Antisemitismus an Hochschulen. Dazu sind bis 9. November in rund 50 Städten mehr als 250 Veranstaltungen und eine Plakatkampagne mit dem Slogan „Für einen Campus ohne Judenhass“ geplant.
Identität verstecken
Dekel betonte, „zwischen judenfeindlichen Schmierereien und Seminaren, in denen Israel dämonisiert wird, haben wir jüdischen Studierenden gelernt, unsere Identität zu verstecken und jeden Schritt nach Sicherheitsaspekten zu planen“. Dekel warf den Hochschulleitungen vor, oft lieber zu schweigen, als sich offen mit Jüdinnen und Juden zu solidarisieren. Eine positive Ausnahme in Berlin sei die Humboldt-Universität (HU), sagte Dekel mit Blick auf die drei großen Berliner Hochschulen Freie Universität, Technische Universität und HU.
Laut Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus stieg die Zahl der Vorfälle an Hochschulen von 2022 bis 2024 von 23 auf 458. Im vergangenen Jahr wurden 424 Vorfälle registriert. In den meisten Fällen (85 Prozent) ging es in den vergangenen drei Jahren um „israelbezogenen Antisemitismus“.
Unter Verweis auf eine Umfrage der jüdischen Anti-Defamation League heißt es in dem Lagebild, dass 85 Prozent der jüdischen Studierenden in Deutschland 2024/2025 ihre jüdische Identität mindestens einmal verborgen haben. Europaweit waren es 80 Prozent der jüdischen Studierenden. 20 Prozent gaben in Deutschland an, Mitstudierende zu kennen, die körperlich angegriffen wurden.
Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit
Nikolas Lelle, Projektleiter der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus, betonte, die Hochschulen hätten sich zu einem zentralen Ort antisemitischer Mobilisierung entwickelt. Er forderte sie auf, den Schutz aller Studierenden sicherzustellen. Jede Hochschule müsse ein Schutzkonzept entwickeln, Antisemitismusbeauftragte einsetzen sowie für Prävention und Fortbildungen sorgen. Gewalt gegen Juden stelle eine Einschränkung der Bildungs- und Wissenschaftsfreiheit dar.
Während Antisemitismus an Hochschulen im Jahr 2024 angesichts antiisraelischer Protestcamps ein Dauerthema in den Medien gewesen sei, sei dies heute anders, heißt es im Lagebild. Doch der Schein trüge. Für jüdische Studierende sei die Lage keineswegs besser geworden.
Ron Dekel wurde laut Lagebild im April 2026 wegen des Tragens einer Kippa auf offener Straße in Berlin beleidigt und bedroht. Nachdem Dekel den Vorfall auf Social Media publik machte, habe ihm die Täterin Tage später vor der Synagoge aufgelauert.