"Gestern war Haltung hot, heute ist sie unverzichtbar"
Berlin (epd).

Eigentlich fühlt sich die Zeit an, als wäre sie am Samstagabend stehen geblieben, berichtet die junge Frau. Bis dahin, bis gegen 22 Uhr, habe sie einen „wundervollen und schönen Tag“ verbracht. Sie habe Vielfalt gelebt. Danach verschwimmt alles, sagt sie. Jetzt, am Montag, legt sie Blumen in der Nähe des Tatorts im Berliner Tiergarten nieder. Fassungslosigkeit mische sich dabei mit einem Gefühl der Angst.

Am Samstag fand in der Hauptstadt die Demonstration des 48. Berliner Christopher Street Days (CSD) statt. Es sollte der größte CSD in Berlin jemals werden. Das Motto war „Haltung ist hot“. Denn: Es ging darum, dass der CSD wieder politischer wird. Demokratie sei der rote Faden der Veranstaltung, erklärten die Veranstalter vorab.

Mutmaßlich islamistisch motivierter Anschlag

Am späten Abend fuhr dann laut Polizei ein Mann mit einem Kastenwagen in die Menschenmenge im Berliner Tiergarten. Anschließend sei er mit einer Stichwaffe auf weitere Passanten losgegangen. Die Sicherheitsbehörden gehen laut Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) von einem mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag aus. Dobrindt sprach von einem Todesopfer und 29 zum Teil schwer Verletzten.

Der mutmaßliche Täter wurde am Sonntagabend in einer Kleingartenanlage in Berlin-Spandau lokalisiert. Er soll nach seiner Entdeckung mit einer Stichwaffe auf die Einsatzkräfte zugelaufen sein, daraufhin habe ein Spezialeinsatzkommando von der Schusswaffe Gebrauch gemacht. Der 21-Jährige verstarb am Einsatzort.

Notfallseelsorger vor Ort

In der Nähe des Tatorts, dort, wo der Kastenwagen auf die Menschen traf, werden am Montag weiter frische Blumen zwischen Plakaten und Flaggen abgelegt. Auch an weiteren Bäumen im Tiergarten liegen Flaggen, Blumen und Botschaften. Ein Mann bringt eine große, orangefarbene Dahlie mit, die er behutsam neben ein Schild legt. „Gegen Islamismus“, steht darauf. Es ist egal, wen es da getroffen hat, ob die Person schwul, lesbisch oder hetero war, sagt er. Der Mann mit der Dahlie ist selbst schwul, war am Samstag aber nicht auf dem CSD. Die Tat trifft ihn trotzdem. Die Gesellschaft und die Politik müssten Islamismus deutlicher wahrnehmen, die „Augen aufmachen“. „Da muss die Justiz sich ändern“, sagt er.

Auch die Notfallseelsorge ist vor Ort. Zwischen 10 und 19 Uhr sind jeweils drei Seelsorgerinnen und Seelsorger im Bereich des Tatorts unterwegs, berichtet eine der Helferinnen. Die meisten sind dabei ehrenamtlich im Einsatz, schon seit Samstag. An diesem Montag sind bisher schon einige Gespräche geführt worden, erzählt sie.

„Liebe ist Liebe“

Auch am Brandenburger Tor haben Menschen Blumen, Kerzen, Flaggen und Schilder abgelegt. Ein kleines Meer, vorwiegend aus Sonnenblumen, breitet sich vor dem Wahrzeichen der Hauptstadt aus. Hier fand am Sonntag eine Trauerkundgebung statt. „Liebe ist Liebe“ steht verschwommen auf einem Streifen Karton, der vom Regen in der Nacht durchgeweicht ist. Zwei junge Frauen knien daneben und befestigen vorsichtig eine Regenbogenflagge neu, die vom Wind gelöst worden ist.

Das Mitgefühl scheint groß - mindestens genauso groß ist jedoch der Kontrast zwischen Alltag und Anteilnahme. Immer wieder bleiben Passantinnen und Passanten stehen und halten kurz inne. Während eine Frau das Regenwasser aus erloschenen Kerzen schüttet und sie mit einem Feuerzeug neu anzündet, fotografieren sich hinter ihr Touristinnen und Touristen mit dem Brandenburger Tor. Manche davon wirken verwirrt über die Ansammlung von bunten Blumen und Regenbogenflaggen, mitten auf dem Platz. Andere wundern sich lautstark auf Englisch, was hier wohl vorgefallen sei.

Am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen liegen die Blumenkränze von anteilnehmenden Parteien, sowohl aus dem Bundestag als auch aus dem Berliner Abgeordnetenhaus. Das Denkmal befindet sich zu Fuß nur einige Minuten vom Tatort entfernt, mitten im Tiergarten. Zwischen den Kränzen liegt ein unscheinbares Schild, schwarze Schrift auf weißem Papier: „Gestern war Haltung hot, heute ist sie unverzichtbar“.

Von Linn Manegold (epd)