Trotz der Mittagshitze haben sich rund 70 Frauen und einige Männer vor dem Rathaus in Berlin-Schöneberg zusammengefunden. „Frauen schützen jetzt“, prangt auf einem Schild, das auf dem Boden liegt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Berliner Frauenhäusern, Beratungsstellen und ehrenamtlichen Projekten legen am Mittwoch für kurze Zeit gemeinsam ihre Arbeit nieder. Alle haben ein Ziel: Sie wollen auf Gewalt gegen Frauen und den hohen Bedarf an Schutzplätzen aufmerksam machen.
Seit Jahren gebe es eine erhöhte Zahl von Anfragen, berichtet eine Mitarbeiterin von einer Beratungsstelle. Sie möchte ihren Namen aus Sicherheitsgründen nicht offenlegen. Jeden Tag müsse sie Frauen an der Hotline abweisen. Laut der Berliner Initiative für Gewalt gegen Frauen (BIG) muss täglich zehn bis 15 schutzsuchenden Frauen und ihren Kindern mitgeteilt werden, dass es keinen freien Platz für sie gibt.
Anspruch auf Schutz und Beratung
Als Möglichkeit bliebe Mitarbeitern dann nur noch, einen Platz in einem anderen Bundesland zu suchen. Das sei aber auch für die Frauen „im Grunde eine Zumutung“, da sie ihr Lebensumfeld aufgeben müssten. Viele Frauen würden daher stattdessen in einer bedrohlichen Situation bleiben. Auch für sie als Mitarbeiterin und ihre Kolleginnen sei das Wissen darum eine emotionale Belastung. Einen Rechtsanspruch für Schutz und Beratung für von Gewalt betroffene Frauen wollte das Bundesfamilienministerium mit dem Gewalthilfegesetz schaffen. Damit soll häusliche Gewalt wirksamer bekämpft und flächendeckender Zugang zu den verschiedenen Hilfsangeboten ermöglicht werden. Das Gesetz wurde zwar 2025 verabschiedet, tritt aber erst im Jahr 2032 in Kraft, um den Bundesländern mehr Zeit bei der Umsetzung zu geben.
Ein zentrales Ziel des Gesetzes ist es, die in der Istanbul-Konvention vorgeschriebene Anzahl an Frauenhausplätzen umzusetzen. Im vergangenen Jahr fehlten in ganz Deutschland nach diesem internationalen Maßstab laut dem Verein Frauenkoordinierung rund 12.000 Frauenhausplätze. Nur knapp 7.800 Plätze seien bundesweit vorhanden.
Forderung von therapeutischen Angeboten
Im Juni kündigte die Berliner Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) die Eröffnung von zwei neuen Frauenhäusern im Sommer an. In der Hauptstadt stünden dann elf Frauenhäuser mit insgesamt 276 Familienplätzen zur Verfügung, eine Verdopplung seit 2020. Trotzdem sei die Zielvorgabe im Gewalthilfegesetz des Bundes bis 2032 mit einem Familienplatz pro 10.000 Einwohnerinnen und Einwohner noch nicht erreicht. Dafür benötige die Stadt 390 Plätze.
Neben dem bundesweiten Ausbau von Frauenhäusern forderten die Protestierenden am Schöneberger Rathaus, queere Menschen in das Gewalthilfegesetz aufzunehmen sowie therapeutische Angebote für Betroffene zu schaffen und barrierefreie Zugänge zu Frauenhäusern auszubauen. Auch verpflichtende Fortbildungen für Polizei, Justiz und Jugendämter zu häuslicher Gewalt sollten eingeführt werden.
Gedenken mit roten Schuhen
Auf dem Boden vor der Gruppe liegt eine Ansammlung von Schildern, Grabkerzen, Blumen und roten Schuhen. Diese seien ein weltweites Zeichen für das Gedenken an getötete Frauen, erklärt eine der Organisatorinnen. Denn auch das sei der traurige Anlass der Aktion, berichtet sie. Zum dritten Mal in diesem Jahr komme die Gruppe zusammen, um an einen sogenannten Femizid zu erinnern. Am 21. Juli war laut Berliner Polizei eine 65-jährige Mutter von ihrem 43-jährigen Sohn tödlich verletzt worden.
Manchmal helfe es, die eigene Wut „auf die Straße“ zu tragen, sagt die Mitarbeiterin der Beratungsstelle. Auch deshalb endet der Protest mit einem gemeinsamen Lied. „Leistet Widerstand gegen Femizide hier im Land, schließt euch fest zusammen“, singen die Proteststierenden. Danach gehen sie zurück an die Arbeit, um sich dort weiter für den Schutz von Frauen einzusetzen.