Die Dokumentationsstelle Antiziganismus hat im vergangenen Jahr mit 293 Vorfällen einen neuen Höchstwert in Berlin erfasst. Im Vergleich zum Vorjahr bedeute dies einen Anstieg um 46 Fälle, sagte am Dienstag die stellvertretende Vorsitzende der transkulturellen Selbstorganisation „Amaro Foro“, Violeta Balog. Seit Aufzeichnungsbeginn im Jahre 2014 seien damit 2.042 antiziganistische Vorfälle in der Hauptstadt dokumentiert worden.
Die meisten Vorfälle im vergangenen Jahr ereigneten sich demnach im öffentlichen Raum (66), gefolgt vom Bereich Bildung (60) und beim Kontakt mit Behörden (42). Besonders häufig seien Frauen betroffen.
Beleidigungen durch Lehrkräfte
Im Kontakt mit Behörden sei es etwa in sieben Fällen zu einer unrechtmäßigen Versagung von Leistungen und in weiteren sieben Fällen zu kriminalisierenden Unterstellungen gekommen. Auch habe es Vorfälle gegeben, bei denen von Antiziganismus Betroffene von der Polizei nicht ernst genommen wurden.
Gerade im Bildungsbereich sei mehr Mobbing gegen Sinti und Roma aufgefallen. Die Beleidigungen seien nicht nur von Schülern gekommen, auch Lehrkräfte äußerten sich demnach antiziganistisch. Eine Lehrperson habe über eine Familie aus Moldau gesagt, diese würde „eh abgeschoben, da braucht man sich keine Mühe bei ihnen zu geben“. Eine andere Lehrerin habe bei einem Schulprojekttag „ganz selbstverständlich“ die rassistische Fremdbezeichnung, das sogenannte „Z-Wort“, benutzt.
Antiziganistischer Post von CDU-Abgeordnetem
Auch im Alltag und im öffentlichen Raum seien Beleidigungen die häufigste Erscheinungsform von Antiziganismus gewesen. So hätten etwa zwei Männer in einer S-Bahn eine Familie als „Kindergeldbezieher“ bezeichnet. Einer der beiden soll zudem gesagt haben, er finde es „schade, dass es Hitler nicht mehr gibt“.
„Amaro Foro“ führt diese Entwicklungen auf einen gesellschaftlichen und politischen Rechtsruck zurück. Violeta Balog sagte, die Dokumentationsstelle beobachte „mit großer Sorge“, „dass antiziganistische Positionen zunehmend öffentlich geäußert und normalisiert“ würden. So habe etwa das Abgeordnetenhausmitglied Timur Husein (CDU) in einem Beitrag in sozialen Netzwerken die rassistische Fremdbezeichnung benutzt.
Medienartikel kritisiert
In dem Jahresbericht wird zudem die mediale Berichterstattung im Zusammenhang mit einem Hotel in Berlin-Schöneberg kritisiert. Dabei sei es zur Nennung einer ethnischen Zugehörigkeit gekommen. Dies sei nach dem Pressekodex unrechtmäßig, argumentierte die Pressesprecherin von „Amaro Foro“, Geena Birkenmeier. Dadurch würden antiziganistische Inhalte reproduziert.
In der Berichterstattung über mutmaßliche Kriminalität und Armut werde die Zuschreibung „Roma oder codiert Südosteuropäer“ besonders schnell und häufig vorgenommen. Birkenmeier forderte, statt „dramatisierten Headlines“ sollten Medien „lieber die strukturellen Probleme“ angehen, die etwa die Unterbringung mit sich bringe.
Insgesamt sprach „Amaro Foro“ von 31 erschienenen Artikeln mit antiziganistischen Inhalten, die sowohl in den größten Berliner Tageszeitungen als auch in überregionalen Medien erschienen waren.