Berliner Ärztekammer-Präsident warnt: "Hitze tötet Menschen"
Berlin (epd).

Am Donnerstag wird der vierte bundesweite Hitzeaktionstag begangen. Peter Bobbert, Präsident der Ärztekammer Berlin, engagiert sich im Kernteam des Aktionsbündnisses Hitzeschutz Berlin. Er erklärt, welche Maßnahmen gegen Hitzeperioden nötig sind, was in den kommenden Sommern zu erwarten ist und warum Hitzeschutz für ihn etwas Solidarisches ist.

epd: Wie gefährlich sind zunehmende Hitzeperioden aus medizinischer Sicht?

Bobbert: Hitze ist eine Gefahr für die Gesundheit. Wir sagen nicht zu Unrecht: Hitze tötet Menschen. Jedes Jahr gibt es hitzebedingt Tote. Im vergangenen Jahr, als wir keinen richtig warmen Sommer hatten, gab es deutschlandweit 2.500 hitzebedingte Tote. Allein in Berlin starben 140 Menschen an Hitzefolgen.

epd: Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders betroffen?

Bobbert: Am stärksten betroffen sind ältere und pflegebedürftige Menschen. Knapp über 85 Prozent der hitzebedingten Toten sind älter als 65 Jahre. Zu den vulnerablen Gruppen zählen auch Kinder und Schwangere. Aber auch Menschen, die im Freien arbeiten müssen, stellen eine Risikogruppe dar. Und dann reden wir nicht mehr von alten Menschen, sondern von 20- bis 50-Jährigen. Gerade in Berlin gibt es eine sehr oft vergessene, aber wichtige Gruppe, wenn wir über hitzebedingte Todesfälle und Erkrankungen sprechen: Obdachlose Menschen, die der Hitze frei ausgesetzt sind. Das sind Tausende Menschen, die der Hitze schutzlos ausgeliefert sind. Um die müssen wir uns kümmern.

epd: Wie wirkt sich extreme Hitze speziell auf Pflegebedürftige aus?

Bobbert: Bei Älteren und Pflegebedürftigen ist - gerade in der Kombination mit Medikamenteneinnahme - das Durstgefühl reduziert. Diese Menschen merken dann zu spät, dass sie dehydrieren. Der Impuls, zu trinken, kommt verspätet oder gar nicht. Deswegen ist es bei Pflegebedürftigen nicht damit getan, eine Trinkflasche neben das Bett zu stellen, die Flüssigkeit muss auch aktiv verabreicht werden.

epd: Werden ältere und pflegebedürftige Menschen in Deutschland ausreichend vor den Hitzefolgen geschützt?

Bobbert: Im Moment nicht. Und da sprechen wir nicht über die Sommer, die wir in den vergangenen Jahren hatten, sondern über das, was noch auf uns zukommt. Die Wahrscheinlichkeit einer Hitze-Naturkatastrophe wird aufgrund des menschengemachten Klimawandels schlicht von Jahr zu Jahr größer.

epd: Was fehlt an Maßnahmen im Gesundheitswesen?

Bobbert: Die Pflegeeinrichtungen sind nicht vorbereitet auf große Hitzewellen. Wir haben nicht standardmäßig in jedem Zimmer eine Klimaanlage. Wir verfügen über keine Vorsorgemechanismen, die etwa die Ventilatoren-Systeme und andere benötigte Belüftung und Kühlung anschaffen. Und ob wir genug Personal haben, muss man ehrlicherweise auch infrage stellen. Wir haben ja bereits jetzt in einer normalen Situation schon einen Mangel an Mitarbeitenden. Das wird sich in Hitzephasen noch verstärken. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Hitze nicht nur die Patientinnen und Patienten betrifft, sondern auch die Mitarbeitenden, die unter diesen Bedingungen arbeiten müssen.

epd: Es braucht also bundesweit verbindliche Hitzeschutzpläne?

Bobbert: Ja, die braucht es. Aber wir haben schon Fortschritte gemacht: Als wir das Aktionsbündnis Hitzeschutz Berlin im Jahr 2022 gegründet haben, gab es noch gar keine Vorsorgemaßnahmen. Mittlerweile hat jedes Krankenhaus in Berlin einen Hitzeschutzplan. Auch für Pflegeeinrichtungen gibt es Muster-Hitzeschutzpläne. Wenn wir über Kühlmechanismen und mehr Mitarbeitende sprechen, ist das allerdings schlicht auch eine Frage des Geldes. Welches sehr begrenzt ist. Es gibt keine hohen Summen, die aktuell für Investitionen zur Verfügung stehen. Aber genau die benötigen wir, um Strukturen und bauliche Maßnahmen zu schaffen, um Pflegeeinrichtungen wirklich hitzefest zu machen. Mit der Gesundheitsversorgung lässt sich keine Rendite machen. Trotzdem ist es wichtig, darin zu investieren. Auch in einer Phase, in der wir glauben, an allem sparen zu müssen.

epd: Wie steht Deutschland beim Hitzeschutz im europäischen Vergleich da?

Bobbert: Frankreich, Spanien und Italien sind viel, viel weiter und konsequenter in der Vorbereitung. Aber Deutschland hat aufgeholt. Wir haben in den vergangenen Jahren einiges erreicht, es gibt auch viel mehr Bewusstsein in der Bevölkerung.

epd: Inwiefern?

Bobbert: In der Gesellschaft ist Hitze nicht mehr positiv mit einem „schönen Sommerabend“ verbunden. Das war vor fünf oder zehn Jahren noch anders. Jetzt wird Hitze auch als Gefahr für vulnerable Menschen wahrgenommen, dass sich um diese Gruppen gekümmert werden muss. Hitzeschutz ist etwas Solidarisches.

epd: Gibt es Maßnahmen für mehr Hitzeschutz, die schnell und einfach umzusetzen wären?

Bobbert: Die bereits erwähnte Aufklärung und Bewusstseinsschaffung. Diese beiden Punkte sind im Sinne der Prävention fast kostenlos zu haben. Etwa das Wissen, dass Hitze in bestimmten Phasen gemieden werden muss. Zum Beispiel, dass Aktivitäten an die Randzeiten des Tages verlegt werden und nicht in der Mittagssonne stattfinden. Und der angesprochene solidarische Aspekt: Ein Auge auf den alleinstehenden älteren Nachbarn haben. Allein dieses Bewusstsein und Füreinander kümmern ist ein Riesenschritt. Außerdem können mehr Trinkmöglichkeiten in Städten, sogenannte Wasserbrunnen, helfen. Die Schaffung von kühlen Räumen und deren Bekanntmachung ist wichtig. Das sind nur kleine Maßnahmen, aber sehr kostengünstige. Wir müssen da einen Schritt nach dem anderen gehen. Umbauten für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen kosten einfach Geld.

epd: Können Sie einen Ausblick geben, was uns in den kommenden Jahren mit zunehmenden Hitzeperioden erwartet?

Bobbert: Ich bin kein Freund davon, Zahlen zu prognostizieren. Fakt ist, wir haben den menschengemachten Klimawandel. Aber wir sollten auch nicht in Alarmismus verfallen und am Ende vor lauter Schreck gar nichts tun. Die aktuellen Prognosen sind eindeutig: Die Jahre werden wärmer und die Sommer werden heißer. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir Hitzewellen mit tagsüber 40 Grad aufwärts und fehlender Abkühlung nachts haben, wird von Jahr zu Jahr größer. Wir müssen uns auf diese Extremszenarien schlicht vorbereiten.

epd-Gespräch: Jonas Grimm