Das Diakonische Werk Schleswig-Holstein fordert mehr Hilfsangebote für Frauen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind. „Wohnungslosigkeit ist eine Gefährdung für die menschlichen Würde“, sagte Landespastor und Diakonie-Chef Heiko Naß auf einer Pressekonferenz am Mittwoch in Kiel. Die allermeisten Betroffenen erleben Diskriminierung. Das gelte auch für die Beratungsstellen: „Wände werden beschmiert, Eier an Wände geworfen“, beschreibt Naß.
„Wohnungslose Frauen leben oft unter dem Radar“, erklärte Naß. „Viele von ihnen haben traumatische Erfahrungen mit Gewalt und Ausbeutung durch Männer gemacht. Deshalb leben sie seltener auf der Straße und meiden geschlechterübergreifende Angebote der Wohnungslosenhilfe, die sie als unsicher wahrnehmen.“ Stattdessen kämen sie bei Freundinnen oder Bekannten unter, gingen Zweckbeziehungen ein oder kehrten in gewaltvolle Lebensumstände zurück, um nicht obdachlos zu sein.
Fehlende Schutzräume
Es fehlten Schutzräume. Deshalb setze sich die Diakonie Schleswig-Holstein dafür ein, flächendeckende Beratungen, Tagestreffs und Notunterkünfte nur für Frauen einzurichten. Außerdem fordert der Wohlfahrtsverband eine auskömmliche Finanzierung der Wohnungslosenhilfe im nördlichsten Bundesland.
Gute Erfahrungen mit geschlechterspezifischen Angeboten macht das Diakonische Werk bereits in größeren Städten, zum Beispiel in Lübeck. Dort gibt es bereits seit den 80er Jahren frauenspezifische Beratungen. Die Nachfrage sei hoch: „Es geht darum, Angebote zur Verfügung zu stellen, damit sich Frauen überhaupt zeigen“, sagte Friedemann Ulrich, Leiter der Wohnungslosenhilfe bei der Diakonie Nord Nord Ost.
Die Diakonie Nord Nord Ost bietet in der Hansestadt getrennte Notunterkünfte für Männer, Frauen und junge Erwachsene an. „So können wir besser auf die Bedürfnisse von Frauen und jüngeren Menschen eingehen und sie in einer Umgebung begleiten, in der sie sich sicher fühlen“, sagte Ulrich.
Fehlende Kapazitäten
Anders sieht die Situation im ländlichen Bereich aus: Frauen und Kinder müssten in Notunterkünften teils Tür an Tür mit fremden Männern übernachten. Beratungsstellen fehle es an Kapazitäten, um zum Beispiel zu gesonderten Zeiten für Frauen zu öffnen.
Hinzu komme, dass die Beratungsstellen und Tagestreffs der diakonischen Wohnungslosenhilfe am Limit seien. Personal- und Betriebskosten steigen bei gedeckelten Zuschüssen des Landes (900.000 Euro). Mitarbeitende der Wohnungslosenhilfe berichten, dass sie kaum mehr angemessene und nachhaltige Beratungen durchführen können.
Hohe Dunkelziffer
Laut aktueller Wohnungslosenhilfe-Statistik der Diakonie ist 2025 die Gesamtzahl der Rat- und Hilfesuchenden erneut angestiegen. Im vergangenen Jahr haben in Schleswig-Holstein gut 3.000 Frauen die Angebote der diakonischen Wohnungslosenhilfe in Anspruch genommen.
Insgesamt zählten die Einrichtungen 10.919 Rat- und Hilfesuchende, etwa 600 mehr als 2024. Die Diakonie geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Betroffenen wesentlich höher liegt. Das Diakonische Werk ist der größte Anbieter im Bereich der Wohnungslosenhilfe in Schleswig-Holstein.