Therapie-Hilfsmittel: "Es geht nur ums Geld, nicht um den Menschen"
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Therapie-Hilfsmittel: "Es geht nur ums Geld, nicht um den Menschen"
Jana Goldberg kämpft für die Teilhabe ihrer behinderten Tochter
Stade, Hannover (epd).

Zuerst kommt von der Krankenkasse fast immer eine Ablehnung. Darüber regt sich Jana Goldberg schon gar nicht mehr auf. „Ich weiß nicht, wie viele Widersprüche ich schon eingelegt habe, das gehört wohl zum Spiel.“ Ein Spiel, das sie inzwischen etwas besser beherrscht.

Goldbergs Tochter Lilli ist schwerbehindert. Die Siebenjährige wurde viel zu früh geboren - in der 25. Schwangerschaftswoche mit nur 740 Gramm. Ihr Zwillingsbruder Fiete starb 15 Tage nach der Geburt.

Lilli leidet unter einer sogenannten Zerebralparese durch eine Hirnblutung nach der Geburt. Ihr Muskeltonus ist gestört, sie kann ihre Bewegungen nicht gut kontrollieren und benötigt Unterstützung beim Stehen, Sitzen und Gehen. Ihre Sprachentwicklung ist verzögert, sie ist hochgradig schwerhörig und leidet unter Epilepsie. Bereits als Baby wurde ihr ein sogenannter Shunt zum Ableiten überschüssigen Hirnwassers eingesetzt.

Lilli ist pfiffig, schlau und tough

Goldberg tut alles, damit sich ihre „Lillimaus“ gut entwickelt. Lilli trage einen schweren Rucksack, sagt die 41-Jährige. „Aber sie ist pfiffig, schlau und tough - sie macht gute Fortschritte.“ Für ihre Tochter wünsche sie sich „so viel Normalität und Selbstständigkeit wie nur irgend möglich“, sagt Goldberg.

Lilli hat es gut. Sie wohnt in der Nähe von Stade in einem Haus mit Garten, geht in den Kindergarten, liebt es, zu puzzeln, Hörbüchern zu lauschen, mit ihrem Puppenhaus und anderen Kindern zu spielen - und Mettbrötchen zu essen. „Sie mag es deftig, Schokolade oder Kuchen mag sie gar nicht“, sagt ihre Mutter lachend.

Dass Lilli glücklich ist, verdankt sie wie alle Kinder der Liebe und Fürsorge ihrer Eltern, aber in ihrem Fall auch deren Stärke und Hartnäckigkeit. Damit die Siebenjährige sich gut entwickeln kann, ist sie auf viele medizinische Hilfsmittel angewiesen. Ihre Eltern müssen die Therapiemittel bei ihrer Krankenkasse beantragen - und oft um sie kämpfen.

„Es geht nur ums Geld“

Lilli hat einen speziellen Stuhl, um am Tisch sitzen zu können, einen zweiten Therapiestuhl für den Kindergarten, eine Gehhilfe, einen Rollstuhl, ein Therapiefahrrad, Orthesen, die ihre Beine stabilisieren. Nicht immer läuft es mit den Bewilligungen glatt. „Unsere Meinung und die der Physiotherapeuten, was für Lillis Entwicklung wichtig ist, teilt die Krankenkasse oft nicht“, sagt Goldberg. Ihr Eindruck: „Es geht nur ums Geld, nicht um den Menschen.“

Jan Meinke ist Reha-Techniker. Er ist auf Kinder spezialisiert und betreut Lilli seit sechs Jahren. Meinke erstellt für Lilli altersgerechte Versorgungskonzepte und fertigt ihre Hilfsmittel mit seinen Kollegen maßgeschneidert an. Er bestätigt, dass es oft schwierig und langwierig sei, bis die Kasse und der Medizinische Dienst Hilfsmittel bewilligen. „Manchmal dauert es so lang, dass das Versorgungskonzept gar nicht mehr stimmt, weil Kinder sich natürlich im Wachstum befinden.“

Lähmende Bürokratie

Kritik an der lähmenden Bürokratie der Hilfsmittelverordnung kommt auch von Verbänden. Besonders schwierig sei die Situation bei komplexen Behinderungen sowie bei Kindern und Jugendlichen, sagt Dirk Swinke vom Sozialverband (SoVD) in Niedersachsen. „Medizinische Hilfsmittel werden oft abgelehnt, weil angeblich die Notwendigkeit nicht gegeben ist - diese Probleme gehören leider zum Alltag unserer Beraterinnen und Berater.“

Zwar seien formale Prüfverfahren grundsätzlich sinnvoll, sie dürften aber nicht überbordend sein„, warnt Hans-Joachim Lenke, Vorstandssprecher der Diakonie Niedersachsen. “Personen in akuten Notlagen können oft keine langen Wartezeiten überbrücken - sie benötigen schnelle Unterstützung."

Gleichberechtigte Teilhabe

Der Hamburger Verbund „rehaVital“, der die Interessen von Sanitätsfachgeschäften vertritt, unterstreicht die Bedeutung medizinischer Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung. „Sie entscheiden darüber, ob diese Menschen sich bewegen, kommunizieren und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.“ Für Kinder sei eine schnelle Versorgung besonders wichtig, da sonst wertvolle Entwicklungszeit unwiederbringlich verloren gehe und die Chance auf gleichberechtigte Teilhabe sinke.

Diese Gefahr sieht auch Meinke. „Ich wünsche mir mehr Vertrauen in uns als Reha-Techniker, in unsere Kompetenz und Urteilskraft“, sagt er. Einen Kulturwandel, weg von der „vorherrschenden Misstrauens- hin zur Vertrauenskultur“, mahnt auch die Diakonie an. „Anderenfalls riskieren wir, dass Menschen das Vertrauen in die Unterstützungsstrukturen unseres Sozialstaates verlieren“, sagt Lenke.

Auch Krankenkassen fordern Reformen

Der GKV-Spitzenverband, Interessenvertretung der Krankenkassen in Deutschland, betont, dass die Mehrheit der Versorgungen reibungslos erfolge. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit liege meist unter zehn Tagen, Ablehnungsquoten bei maximal fünf Prozent, teilte eine Sprecherin auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) mit.

Auch der Verband fordert indes eine Reform der Hilfsmittelversorgung. Zu den Forderungen zählen unter anderem Bürokratieabbau, Mehrwertsteuersenkung sowie die Stärkung des Wettbewerbs unter den Anbietern von Hilfsmitteln.

Großes Potenzial liegt Sozialexperten zufolge außerdem im Ausbau der digitalen Prozesse. Jana Goldberg lacht. „Stimmt“, sagt sie. „Bei den Krankenkassen muss man noch faxen, Mails schreiben geht aus Datenschutzgründen nicht.“

Vielfältige Veränderungsvorschläge

Die Hebel für einen Abbau der Bürokratie sind nach Ansicht der Verbände vielfältig. Sie reichten von vereinfachten Dokumentationspflichten über verkürzte Entscheidungsfristen für die Krankenkassen bis zu Regeln, die Folgeversorgungen für Kinder ohne erneute Genehmigung ermöglichen, wenn etwa eine neue, größere Orthese benötigt wird.

Der SoVD fordert für Heranwachsende einen verbindlichen Rechtsanspruch auf eine kontinuierliche Versorgung, die ihren speziellen Lebensbedingungen und ihrem Wachstum angepasst ist. Langwierige Einzelgenehmigungen müssten abgeschafft werden. Das koste die Betroffenen und ihren Eltern nur unnütze Zeit und Kraft.

Worte, die Jana Goldberg aus dem Herzen sprechen. Sie hat ihren Job an den Nagel gehängt, um ganz für Lilli da zu sein. „Das ist ein Fulltimejob - nicht zuletzt wegen des ganzen Papierkrams mit den Krankenkassen.“

Copyright: epd-bild/Jens Schulze

Von Julia Pennigsdorf (epd)