Eishockey: Jörg Wedde spielt mit 60 Jahren bei den Paralympics
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Eishockey: Joerg Wedde spielt mit 60 Jahren bei den Paralympics
Hannover, Mailand (epd).

Mit kräftigen Stößen aus Armen und Oberkörper bringt Jörg Wedde seinen Kufen-Schlitten auf dem Eis richtig auf Tempo. Für den Para-Eishockeyspieler ist das Training am späten Abend um 22.30 Uhr in der Eishalle in Mellendorf bei Hannover das Letzte vor den Paralympics. „Wir wollen noch mal auf Touren kommen und uns möglichst nicht verletzen“, sagt Wedde. Dann legt er sich den Puck zurecht und schlenzt ihn halbhoch ins Tor.

Para-Eishockey wird sitzend in einem Schlitten gespielt, der auf zwei Kufen über das Eis gleitet. Die Spieler tragen die volle Körperschutz-Ausrüstung und Helm. Anders als die Stehend-Eishockeyspieler haben sie zwei kurze Schläger. Mit denen führen und schlagen sie den Puck. An den oberen Enden der Schläger sind zudem Spikes zum Abstoßen im Eis angebracht. Gespielt wird sechs gegen sechs in drei Dritteln à 15 Minuten.

Heimatverein „Hannover Ice Lions“

Mit 60 Jahren ist Wedde nicht nur in seinem Heimatverein „Hannover Ice Lions“ mit Abstand der Älteste, sondern auch im 17-köpfigen Nationalteam. Aber der Vater und Großvater ist noch topfit: „Mein Arzt sagt, ich soll einfach weiter mein Level halten.“

Das Spiel sei im Laufe der Jahre schneller und technisch anspruchsvoller geworden. Es gehe auf dem Eis ähnlich wie bei den stehenden Kollegen hart zur Sache. Er müsse sich schon ganz schön anstrengen, um mithalten zu können: „Aber man bleibt jung im Kopf.“

Ans Aufhören denkt Wedde jedenfalls nicht: „Erst wenn die Jüngeren mich überholen, nehme ich meinen Hut.“ Immerhin haben sich die Ice Lions mit ihm als Kapitän gerade erneut die deutsche Meisterschaft gesichert.

Erste Begegnung am 7. März gegen China

Nun konzentriert sich der Medizintechniker genauso wie drei seiner Hannoveraner Mannschaftskameraden auf die am 6. März startenden Paralympics in Mailand und Cortina. Am 7. März steht in der Mailänder Ice Hockey Arena bereits die erste Begegnung gegen China an.

„Normalerweise haben wir gegen die Chinesen genauso wenig Chancen wie gegen die USA.“ Wedde sieht die Ausgangslage realistisch. „Das sind Profis. Wir dagegen sind alle Vollzeit berufstätig.“ Über einen fünften Platz unter den teilnehmenden acht Teams würde er sich riesig freuen.

Für den Hannoveraner und seine Nationalmannschaftskollegen war schon die Qualifikation für die Paralympics durch einen fünften Platz bei der WM eine kleine Sensation. Die bislang einzige Paralympics-Teilnahme datiert aus dem Jahr 2006. Auch damals war Wedde schon dabei. „In den folgenden Jahren waren wir immer ganz knapp gescheitert.“

Unfall mit 13 Jahren

Früher habe er nicht viel vom Sport gehalten, erzählt der Eishockey-Begeisterte von den Anfängen. Als er 13 Jahre alt war, wurden ihm nach einem Unfall der rechte Unterschenkel und der linke Oberschenkel amputiert. Eher durch Zufall erfuhr er erst mit Ende 30 vom Para-Eishockey. Ein Freund hatte ihn zum Training mitgenommen. Ab diesem Zeitpunkt war er mit vollem Elan dabei: „Seit September 2002 bin ich praktisch nicht mehr vom Schlitten runtergekommen“, sagt er lachend.

Für ihn und viele seiner Kameraden bedeute der Sport auch Lebenshilfe, sagt der Lions-Kapitän: „Wir kommen mit Gleichgesinnten in Kontakt, sprechen über unsere Probleme.“ Der Sport mache es leichter, die Behinderung zu akzeptieren. „Für mich hat mein Unfall gar nichts Negatives. Wenn ich den nicht gehabt hätte, wäre ich nicht zum Eishockey gekommen.“

Späte Trainingszeit um 22.30 Uhr

Von der großen Bühne bei den Paralympics erhofft Wedde sich vor allem, dass Para-Eishockey in Deutschland bekannter wird. Auch sollten die noch immer vielfach im Alltag und in den Köpfen vorhandenen Hürden für Para-Sportler abgebaut werden. Die Ice Lions hätten zum Beispiel gerne eine andere Trainingszeit als am Abend um 22.30 Uhr.

Selbst bei der Ausstattung der Paralympics-Sportler sei nicht mitgedacht worden. Sie hätten dieselben langen Ponchos wie die deutschen Olympia-Athleten bekommen. „Die können wir als Rollstuhlfahrer aber gar nicht nutzen“, sagt Wedde und ergänzt mit Frust in der Stimme: „Bei der Eröffnungsfeier, bei der alle diese Ponchos tragen sollten, dürfen wir aber ohnehin nicht mitmachen.“ Weil die Arena zu klein und nicht vollständig barrierefrei ist, dürfen pro Nation nur zwei Athleten teilnehmen. Wedde seufzt: „Aber wir nehmen es, wie es kommt, und machen wie immer das Beste draus.“

Copyright: epd-bild/Christian Platz

Von Martina Schwager (epd)