Die Sache mit dem Fuß
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Schulungen mit Bus und Bahn: So klappt das Einsteigen mit Rollator
Schulungen mit Bus und Bahn: So klappt das Einsteigen mit Rollator
Bremen (epd).

Das Betriebsgelände der Bremer Straßenbahn AG (BSAG): Ein kleiner Halbkreis an Menschen drängt sich um eine geöffnete Bustür. Die fünf Rentner sind mit ihren Rollatoren unterwegs. Sie alle wissen aus Erfahrung, dass es nicht einfach ist, sicher mit so einem Vehikel in den Bus zu kommen. Daneben steht Philipp Krol mit seiner Schaffnermütze samt BSAG-Emblem. Auch er hat heute eine Gehhilfe dabei. Er ist zwar noch kein Rentner, dafür aber Busfahrer - und er weiß, wie es am besten geht. Zusammen mit seiner Kollegin Radowanka Strajnic zeigt er den Senioren, wie sie sicher in den Bus einsteigen können.

Wer will anfangen? Heinz Bast, 83 Jahre, schnappt sich zügig seinen Rollator, hebt ihn in den Bus, steigt hinterher - und macht so den gleichen Fehler wie die meisten Menschen. Auch, wenn er eine gute Ausrede parat hat. Er versuche, fit zu bleiben. Deswegen hebe er den Rollator immer in den Bus.

Sicherheit geht vor

Dass das jedoch eleganter und sicherer geht, zeigt Philipp Krol. Den Fuß gegen ein Rad stellen, die Griffe leicht nach hinten ziehen und schon hebt sich der Rollator vorn an und lässt sich einfach über die Kante rollen. Dann die Bremsen feststellen, ein Griff zur Haltestange, die Stufe nehmen, keine Angst vor der Bustür haben, Bremsen lösen und als erste Amtshandlung: einen sicheren, stabilen Platz im Bus ansteuern. Direkt kommt es aus der Runde die Frage: „Aber das Ticket?“

Radowanka Strajnic hat viele Jahre Tickets kontrolliert und man glaubt ihr direkt, wenn sie mit ruhiger Stimme sagt: „Wichtig ist, dass Sie sich erst mal hinsetzen. Keiner reißt Ihnen den Kopf ab, wenn Sie das Ticket erst später lösen.“ Krol ergänzt: „Bleiben Sie bei sich. Es geht nichts über Ihre Gesundheit.“ Und es funktioniert, die Teilnehmer werden sicherer. Unter den wachsamen Augen der beiden Trainer drehen die Senioren ihre Runden. Einsteigen, aussteigen, immer wieder. Die Abfolge der Handgriffe ist schwierig: die Sache mit dem Fuß und dann auch noch das Rückwärts-Aussteigen, weil es sicherer ist.

Kostenlose Kurse bei ÖPNV-Anbietern

Mobilitätstrainings wie dieses gibt es bei zahlreichen Nahverkehrsgesellschaften. Auch die Üstra in Hannover, die VWG in Oldenburg oder die BSVG in Braunschweig bieten Übungsstunden für Rollator- und teils auch für Rollstuhlfahrer an. Bei den Bremern ist die Nachfrage groß, wie Krol und Strajnic bestätigen. Regelmäßig gibt es die kostenlosen Kurse, teils wöchentlich mit bis zu zehn Teilnehmenden.

Die vier älteren Frauen und Heinz Bast schlagen sich wacker. Das klang vor einer halben Stunde noch anders: Eine ältere Dame mit orangefarbener Jacke, interessiertem Blick und verschränkten Armen ist skeptisch: „Mit dem Rollator ist es schon schwer, in den Bus zu kommen. Da bleibt der lieber zu Hause.“ Ein ernster Blick von Philipp Krol: „Natürlich kann der mit. Bleiben Sie ruhig. Auch in der Hektik. Hektik steckt an, das ist das Problem.“ Heinz Bast hakt ein: „In der Realität sind immer viele Menschen da und dann geht nichts in Ruhe.“

Ängste abbauen und mobil bleiben

Während die meisten immer sicherer werden, haben andere schon aufgegeben. Die Dame mit der orangefarbenen Jacke ist plötzlich verschwunden. Sie hat ihren Rollator wie Heinz Bast ebenfalls in den Bus gehoben - und will dies auch weiterhin tun. Krol bedauert das, weiß aber auch: Viele machen es am Ende doch so, wie es ihnen gezeigt wurde. Zu den Rollatorentrainings kommt niemand, der mit einem Rückwärtssalto in den Bus einsteigt. Stattdessen kommen ältere Menschen. Manche mehr mobil, manche weniger. Manche skeptischer, manche selbstbewusster.

Die BSAG bietet die Trainings als Service an, um Teilhabe zu ermöglichen, wie es eine Unternehmenssprecherin ausdrückt. Die VWG aus Oldenburg schreibt: „Wir bieten diese Trainings an, um Unfälle in den Bussen zu vermeiden und Personen, die gegebenenfalls in der Vergangenheit nicht oft Bus gefahren sind, die nötige Sicherheit zu geben.“ In Hannover möchte die Üstra Berührungsängste abbauen und sieht das Training als Ergänzung zu ihren 177 barrierefreien Stadtbahnhaltestellen. In Braunschweig bietet die BSVG solche Trainings in enger Abstimmung mit dem Behinderten- und Seniorenbeirat an.

Für Rentner Heinz Bast in Bremen war die Trainingsstunde am Ende ein voller Erfolg. „Das ist ganz toll hier“, schwärmt er. Und auch Philipp Krol lächelt daraufhin zufrieden: „Das ist hier bis heute eine Herzensangelegenheit für mich.“

Von Luka Spahr (epd)