"Da ging die Hölle richtig los": Ein früheres Heimkind blickt zurück
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Studie belegt Missbrauch in frueherem Erziehungsheim bei Hannover
Diakonische Einrichtung legt historische Studie zur Aufarbeitung vor
Burgdorf, Reg. Hannover, Bremerhaven (epd).

Rüben hacken, Steine schleppen und dicht gewachsene Keimlinge mit der Hand versetzen: Für Wolfgang Lilier begann der Arbeitstag auf den Feldern des Erziehungsheims Backhausenhof in Burgdorf morgens um sieben Uhr. „Mit einer Hacke mussten wir Rüben aus dem Boden holen“, erinnert sich der heute 80-Jährige an die Plackerei auf dem früheren Gutshof, einer Außenstelle des Stephansstifts in Hannover, der nach Kriegsende zweitgrößten diakonischen Einrichtung in Deutschland. Neben der Feldarbeit gehörten das Melken und das Verlegen von Wasserrohren zum täglichen Pensum der Jugendlichen. „Alles für null Geld“, sagt Lilier. „Wir haben nichts verdient.“

Wolfgang Lilier war einer von mehreren Hundert Jungen, die zwischen 1962 und 1985 in dem Heim und seiner Vorläufer-Einrichtung gelebt haben. Ein Ort, der geprägt war von Zwang, Drill, Prügel und drakonischen Strafen - und nicht selten auch von sexuellen Übergriffen. „Es war schlimm, sehr schlimm“, erzählt Lilier, der heute in Bremerhaven lebt. „Ich habe oft gelegen und geweint.“

Eine wissenschaftliche Studie

Eine wissenschaftliche Studie legt jetzt im Auftrag der heutigen Dachstiftung Diakonie dar, was damals auf dem Hof geschehen ist. Denn zahlreiche frühere Bewohner hatten sich bei der Stiftung gemeldet und von massiven Gewalterfahrungen und sexuellem Missbrauch berichtet.

Unter dem Titel „Heimerziehung, Gewalt und Sexualität“ geht der Berliner Historiker Uwe Kaminsky den Ereignissen auf 120 Seiten auf den Grund. „Wir können das erlittene Leid nicht ungeschehen machen“, erklären die Vorstände der Dachstiftung, Friedrich Ley und Jens Rannenberg: „Aber wir stehen zu unserer Verantwortung und bitten die Betroffenen um Verzeihung.“

Schläge für geringe Übertretungen

Bis 1975 lebten laut Kaminsky in Westdeutschland rund 800.000 Kinder und Jugendliche in mehr als 900 Erziehungsheimen, die zu zwei Dritteln in kirchlicher Hand waren. In der DDR waren es bis 1990 rund 500.000 Minderjährige in mehr als 650 Heimen. Das Gewaltregime sei überall vergleichbar gewesen, sagt der Historiker: „Schläge mit der Hand oder mit dem Stock gehörten bis Ende der 1970er-Jahre zur Normalität für zum Teil geringe Übertretungen.“

Für Wolfgang Lilier begann der Weg in den Backhausenhof mit familiärer Gewalt. Weil der Stiefvater ihn und seine Schwester zu Hause in der Nähe von Osnabrück jahrelang schlug, kam der damals 17-Jährige 1963 auf Umwegen ins Heim-System des Stephansstifts, das damals mehr als 700 Jugendliche an sieben Standorten betreute. „Da ging die Hölle richtig los“, erzählt Lilier.

Ein Regime aus Willkür

Denn in den Heimen herrschte ein Regime aus Willkür und Misshandlung. Über einen der Heimleiter sagt er: „Das war ein ganz brutaler, jähzorniger Schläger.“ Im Backhausenhof, der sich gerade im Aufbau befand, wohnte er mit 20 Jungen in einer Steinbaracke mit Eisenbetten und abgeschabten Spinden.

Der Alltag war streng durchgetaktet zwischen Wecken um halb sieben, Zimmerdienst, Mahlzeiten und Abendbrot. Auf dem Weg zu den Feldern galt strenge Disziplin: „Im Gleichschritt mussten wir laufen, sonst kriegten wir einen Tritt mit dem Stiefel.“ Wer sich den Anweisungen widersetzte oder zu fliehen versuchte, landete in der gefürchteten geschlossenen Strafabteilung.

Reformpädagogische Ideen

Nach offizieller Lesart war der Backhausenhof als moderne Jugendhilfe-Einrichtung mit reformpädagogischem Ansatz gedacht. Doch davon war, nichts zu spüren, sagt Lilier. Denn die Betreuer waren durch eine althergebrachte „schwarze Pädagogik“ geprägt und betrachteten körperliche Strafen als legitimes Mittel der Erziehung. Ein Junge schilderte den Hof in einem Gedicht als „Friedhof meiner Jugend“. Dort heißt es: „Ein Ort, wo die Sonne nie lacht, wo man aus Menschen Tiere macht.“

Neben täglichen Züchtigungen war Lilier schwersten Übergriffen ausgesetzt: Zweimal wurde er vergewaltigt und mehrfach zu sexuellen Handlungen gezwungen, wie er erzählt. Täter seien sowohl ältere Jugendliche als auch Erzieher gewesen. Einmal schlug ein Erzieher ihn so schwer zusammen, dass er einen Nasenbeinbruch erlitt und einen Zahn verlor - ärztlich versorgt wurde er nicht.

Mit 21 entlassen

In seiner Untersuchung dokumentiert Uwe Kaminsky auch, wie das Stephansstift die Arbeitskraft der Jungen ausnutzte, um Kosten zu sparen. Ab 1967 mussten bis zu 30 Jugendliche in einer Werkhalle auf dem Backhausenhof in Akkordarbeit Kartonagen für Unternehmen wie Volkswagen herstellen. Das Stift deklarierte dies als „Arbeitstherapie“ und zahlte statt Löhnen nur geringe Prämien, um die gesetzliche Sozialversicherungspflicht zu umgehen - trotz wiederholter Mahnungen des Kultusministeriums.

Auch andere staatliche Aufsichtsorgane griffen bei Missständen kaum durch. Jugendliche aus dem Backhausenhof hätten sich in ihrer Freizeit am Hauptbahnhof in Hannover sogar als Strichjungen angeboten oder seien kriminell geworden, um sich Geld zu beschaffen, sagte Kaminsky. Fluchtversuche waren an der Tagesordnung. Mindestens zwei Bewohner nahmen sich das Leben.

Eine verlorene Zeit

Für Wolfgang Lilier endete der Heimaufenthalt erst im Juli 1967 mit dem Erreichen der damaligen Volljährigkeitsgrenze von 21 Jahren. Danach fuhr er jahrzehntelang zur See und arbeitete als Staplerfahrer. Die vier Jahre Arbeit in Burgdorf wurden bei seiner Rente nie angerechnet. Erst der Kontakt zu einem Historiker der Dachstiftung Diakonie, zu der das Stephansstift heute gehört, ermöglichte ihm vor einigen Jahren die Einsicht in seine Akten - für Betroffene wie ihn ein wichtiger Schritt zur Aufarbeitung.

Denn die Erinnerungen an die Erziehungsheime haben Wolfgang Lilier nie losgelassen. „Immer wieder kamen diese Bilder im Kopf durch.“ Auf seine Jugend blickt er mit Bitterkeit: „Es war eine verlorene Zeit.“ Doch unterkriegen ließ er sich nicht: „Mein Motto war: Immer voraus, immer voraus. Ich bin eine Kämpfernatur.“

Titel: Studie belegt Missbrauch in frueherem Erziehungsheim bei Hannover Copyright: epd-bild/Stefan Heinze

Von Michael Grau (epd)