Mit sanfter Stimme spricht Regina Ludewig zu dem kleinen Mädchen, reicht ihr lachend eine Rassel, Bauklötze und andere Spielzeuge an. Zwischen bunten Kissen kniet die 59-Jährige auf dem Teppich des gemütlichen Spielzimmers der Jugendhilfe in Süd-Niedersachsen, beugt sich zu dem neun Monate alten Kind herab und animiert es liebevoll zum Mitmachen. Das Mädchen ist eines von rund 40 Babys und Kleinkindern, die die Göttingerin im Laufe der Jahre aufgenommen hat - immer dann, wenn die leiblichen Eltern überfordert waren oder sich aus anderen Gründen nicht mehr kümmern konnten.
Seit 30 Jahren arbeitet Ludewig hauptberuflich als Pflegemutter, seit 18 Jahren in der familiären Bereitschaftsbetreuung. „Das ist zu 50 Prozent mein Job - und zu 50 Prozent eine Herzensangelegenheit“, beschreibt die Pflegemutter in einem Beitrag für epd Video ihre Aufgabe.
Schneller Einsatz im Notfall
Bevor sich Ludewig für die Akuthilfe entschied, hatte sie neben eigenen Kindern bereits Pflegekinder in Dauerpflege großgezogen. Als der eigene Nachwuchs aus dem Haus war, suchten die Pflegemutter und ihr Mann nach einer Alternative. Eine Zukunft ganz ohne Kinder kam für das Paar nicht infrage - aber ebenso wenig ein erneuter Erziehungsmarathon. „Wir wollten uns nicht noch einmal 20 Jahre ans Bein binden“, erinnert sich Ludewig an den Entschluss, in die Bereitschaftsbetreuung zu wechseln und fortan Kinder befristet bei sich aufzunehmen.
Die Vermittlung läuft über die Jugendhilfe Süd-Niedersachsen in Göttingen. Fachberaterin Kareen Bothe nimmt dort die behördlichen Notrufe entgegen. Droht eine Kindeswohlgefährdung, erfasst sie Alter, Gesundheitszustand und Anlass der Inobhutnahme. „Über diese Angaben identifizieren wir eine passende Bereitschaftspflegefamilie und fragen an, ob sie sich die Aufnahme des Kindes vorstellen kann“, erklärt die Sozialpädagogin. Wenn Gefahr in Verzug ist, muss es schnell gehen: Im Idealfall sollte ein Kind binnen einer Stunde nach der Meldung aus einer belastenden Situation in sichere Obhut gekommen sein, führt die Kinderschutz-Expertin aus.
Die Auslöser für eine Notunterbringung sind vielfältig. „Wir haben viele drogen- und alkoholkranke Eltern“, berichtet Bothe. Oft litten Mütter oder Väter unter schweren psychischen Erkrankungen. Vernachlässigung oder Gewalt erzwängen behördliches Eingreifen. „Es ist nicht immer nur Überforderung. Es gibt auch gewaltbereite Eltern, die ihre Kinder bewusst misshandeln oder auch sexualisierte Gewalt ausüben“, erläutert Bothe.
Zunehmende Notlagen bei Familien
Bundesweit steigt die Zahl vernachlässigungs- oder gewaltbedingter Inobhutnahmen. Zwar sank die Gesamtzahl der Inobhutnahmen laut Statistischem Bundesamt zwischen 2023 und 2025 von 74.590 auf 56.883 - das allerdings wegen rückläufiger Einreisen unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge aus dem Ausland. Zugleich kletterte der Anteil akuter Kindeswohlgefährdungen im familiären Kontext an den Gesamtzahlen im selben Zeitraum von 36,1 auf 53,3 Prozent. Bei behördlichen Prüfungen stellten Jugendämter 2025 bei rund 79.800 Minderjährigen Gefährdungen fest, mehrheitlich wegen Vernachlässigung oder psychischer Misshandlung. Gut jedes vierte betroffene Kind war höchstens vier Jahre alt.
Um schnell eingreifen zu können, wenn Kinder in Gefahr sind, hält der Fachdienst der Jugendhilfe Süd-Niedersachsen rund 40 Plätze in 26 Bereitschaftspflegefamilien für Kinder von null bis acht Jahren bereit, eng begleitet von acht sozialpädagogischen Fachkräften. Höchstens sechs Monate soll der Aufenthalt in der Bereitschaftspflege dauern, damit keine zu innige Bindung entsteht und die Kleinkinder nicht erneut einen schmerzhaften Beziehungsabbruch erleiden.
Weil jedoch Plätze in der Dauerpflege fehlen, lasse sich die Frist oft nicht halten, berichtet Bothe. Ziel sei es zwar, die Kinder den leiblichen Eltern zurückgeben zu können, sobald sich die familiäre Situation entspannt habe, allerdings gelinge eine dauerhafte Rückkehr nur in wenigen Fällen.
Abschied als Teil des Konzepts
Regina Ludewig fällt der Abschied auch nach mehr als 40 Pflegekindern nicht leicht. Mit jedem neuen Kind entsteht eine neue Bindung. „In dem Moment, wo das Kind bei uns ist, ist es unseres“, beschreibt Ludewig die emotionale Nähe, die sich unweigerlich einstellt. Zugleich freut sie sich, wenn eine dauerhafte Vermittlung der Bereitschaftspflegekinder gelingt. „Wenn ich weiß, dass die Kinder in eine tolle neue Familie kommen oder zurück in die Herkunftsfamilie können, dann kann ich sie mit gutem Gewissen ziehen lassen.“