Nach CSD in Berlin: In Hannover feiert die queere Community Vielfalt
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Nach CSD in Berlin: In Hannover feiert die queere Community Vielfalt
Hannover (epd).

Esteban Cardenas und Thomas Rautenberg gesellen sich am Maschsee in Hannover zu einer Gruppe von Freunden. Auf und vor der Bühne am Nordufer wird am Mittwoch der „Queer Wednesday“ gefeiert, der ein Zeichen für Vielfalt und Toleranz setzen soll. Cardenas hat sich eine Tasche in Regenbogenfarben umgehängt. Auch Rautenberg zeigt dezent, aber deutlich Flagge. Die Regenbogen-Streifen zieren das Band mit Pfeife um seinen Hals und die Bündchen seiner Tennissocken. „Es ist uns wichtig, dass wir sichtbar sind“, betont er. Und sein Partner ruft aus: „Liebe für alle!“

Beide Männer waren auch beim Christopher Street Day (CSD) am Sonnabend in Berlin. Als dort der Anschlag verübt wurde, bei dem der mutmaßliche Täter mit einem Auto eine Frau getötet und 31 Menschen verletzt hat, hatten sie die Veranstaltung bereits verlassen. Einschüchtern lassen wollen sie sich nicht, betont Rautenberg und stellt seine Bierflasche auf dem Boden vor sich ab. „Wir sind jetzt mit noch mehr Nachdruck hergekommen.“

Sicherheitsvorkehrungen wurden erweitert

Der mutmaßlich islamistische Anschlag von Berlin hinterlässt dennoch bei dem Event nur vier Tage später Spuren. Sicherheitsvorkehrungen wie Straßensperrungen und Okta-Blöcke als mobile Poller wurden erweitert - präventiv, wie die Veranstalter betonen. Auch laut Polizei gab es im Vorfeld keine Hinweise auf eine konkrete Gefahrenlage.

Immer mal wieder zeigen kleine Gruppen von Polizistinnen und Polizisten Präsenz. Ein Polizeisprecher spricht am nächsten Morgen von einem ruhigen Verlauf. Das Maschseefest mit mehreren Bühnen rund um den See hat an Wochentagen insgesamt im Schnitt zwischen 70.000 und 90.000 Besucher. Es ist das größte Seefest in Deutschland.

Das Bühnen-Programm mit DJanes, Dragqueens und Live-Musik läuft wie geplant - mit einer Ausnahme. Die Moderatorinnen und Drag-Künstlerinnen „Disko Jutta“ und „Carrie Gold“ kündigen mit Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne) „einen sehr attraktiven Besuch“ an. Er betont, der Stadt sei an einem sicheren Fest für alle gelegen. Die Vielfalt zu feiern, sei aktuell besonders wichtig, sagt Onay unter Applaus. „Die Vielfalt ist ein Segen für diese Stadt, ein Geschenk.“ Dazu trage die queere Community bei.

„Man muss Mut haben“

Andrea Gähle blickt aus dem Publikum auf das Gelände. „Letztes Jahr um diese Uhrzeit war hier schon alles voll“, sagt sie. Aus ihrem Freundeskreis seien einige doch lieber zu Hause geblieben. „Aber man muss Mut haben“, findet die Frau, auf deren T-Shirt „Love unites“ und ein Regenbogen abgedruckt sind.

Mit länger werdenden Schatten allerdings füllt sich der Platz vor der Bühne zunehmend. Die ersten tanzen, der Bretterboden vibriert. Die nahe gelegenen Open-Air-Lokale und Festbuden am See-Ufer sind gut frequentiert und Hunderte Menschen flanieren vorbei. Eine Anzeigetafel zeigt noch immer 32 Grad, die Hitze mag manche dazu bewogen haben, erst später zu kommen. Von der Bühne mahnt Dragqueen Carrie Gold: „Denkt daran, genug Wasser zu trinken!“ Und Disko Jutta ergänzt: „Der eine oder andere Sekt geht auch.“

„Wir sind immer noch da“

Alex Lawiszus engagiert sich im Alltag unter anderem im Zentrum für queere Kultur „Schwule Sau“ in Hannover. Von den Politikern wünsche er sich mehr als nur Worte der Solidarität, sagt er am Rande der Veranstaltung. Es ärgert ihn, dass Gelder für queere Projekte gekürzt werden. „Und am Bundestag darf durchaus mal die Regenbogenflagge gehisst werden.“

Im kurzen Jeanskleid, mit wallender roter Mähne und roten Stiefeln, mischt er als Disko Jutta an diesem Abend die Party auf. Die Drag-Queen hat den „Queer Wednesday“ auch in den vergangenen Jahren schon moderiert. „Wir sind immer noch da, ihr seid immer noch da“, ruft sie von der Bühne ins Publikum.

Der nächste CSD wird am Sonnabend in Hamburg gefeiert. Die Veranstalter rechnen mit rund 250.000 Teilnehmenden. In Niedersachsen steht der Demonstrationszug eine Woche später in Braunschweig auf dem Programm, in Bremen laufen bereits die Vorbereitungen für den 22. August.

In einem Zelt neben der Bühne in Hannover schminken sich „Dr. Heidi Hoe“ und „Fleur“ Schicht um Schicht für ihren Drag-Auftritt und arbeiten mit Fixierpuder gegen die schweißtreibenden Temperaturen an. Sie erlebten im Alltag noch immer Homophobie - etwa, wenn sie als schwules Paar Händchen hielten, berichten sie. „Das haben wir noch nicht im Griff.“

Copyright: epd-bild/Christian Platz

Von Karen Miether (epd)