Die Geschichte des Bollerwagens: Vom treuen Helfer zum Partybegleiter
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Ausflug mit dem Bollerwagen
Hannover, Lüneburg (epd).

An Christi Himmelfahrt rumpeln sie wieder durch Feld, Wald und Wiese: Mit Bier, Schnaps und Picknick-Proviant beladene Bollerwagen - Lieblingsvehikel der Vatertagfans. Doch bevor die Spaßgesellschaft ihn zum praktischen Partybegleiter erkoren hat, war der Handwagen über Jahrtausende vor allem ein treuer Helfer. Und auch heute noch, sehen viele in ihm nicht nur ein Gefährt, sondern auch einen Gefährten.

Wenn Tatjana Müller das Wort Bollerwagen hört, denkt sie nicht zuerst an grölende Gruppen, die das Fahrzeug als mobile Kneipe nutzen. Vielmehr verbindet sie damit fröhliche Ausflüge mit jauchzenden Kindern. Die Leiterin der hannoverschen Kindertagesstätte Gethsemane ist überzeugt: „Für Einrichtungen wie unsere ist der Bollerwagen unverzichtbar.“ Er dient als Transportmittel für Proviant, wenn es mit den Kita-Gruppen auf Erkundungstour in Hannovers Stadtwald Eilenriede oder an den Mittellandkanal geht. Wer müde wird, darf sich auch mal im Wagen fahren lassen. „Doch die meisten Kinder wollen den Bollerwagen selbst ziehen“, sagt Müller.

Fahrzeuge mit Rädern schon 3700 vor Christi

Der Bollerwagen war und ist aber mehr als nur ein Freizeitmobil. Archäologische Funde von hölzernen Räderfahrzeugen gehen dem Deutschen Archäologischen Institut zufolge bis auf die Zeit um 3700 vor Christus zurück. Häufig wurden sie Toten mit ins Grab gelegt. Das zeigt: So wie heute Autos waren die Wagen damals ebenfalls Statussymbole. Wer es sich leisten konnte, spannte Tiere davor, um Lasten zu transportieren. Alle anderen ergriffen die Deichsel und zogen selbst, was sie an Ladung zum Leben und Arbeiten benötigten.

Vierrädrige Bollerwagen oder zweirädrige Handkarren gehörten über Jahrhunderte zum Hausstand sowohl von Landbevölkerung als auch Städtern. Ob Ernte, Heizmaterial, Marktware, Kleinvieh oder die eigene Kinderschar - alles, was nicht mit zwei Händen allein zu tragen war, konnte so von A nach B geschafft werden. Auf den autofreien ostfriesischen Inseln Juist, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog und Wangerooge ist der Bollerwagen nach wie vor unerlässlich, um Einkäufe und Gepäck zu befördern.

Symbol der Flüchtlingstrecks

Traurige Berühmtheit erlangte der Bollerwagen als Symbol für die Flüchtlingstrecks im Zweiten Weltkrieg. Viele aus den damaligen Ostgebieten machten sich zu Fuß auf den Weg gen Westen, ihre Habseligkeiten und kleinen Kinder auf vier Rädern hinter sich herziehend. Zwischen 50 und 100 Kilogramm wog die Last.

In der neuen Heimat war das treue Transportmittel weiterhin wertvoll, etwa beim „Hamstern“, dem Tauschen von Hab und Gut gegen Lebensmittel. So viel Einsatz macht selbst das stabilste Gefährt irgendwann unbrauchbar. Viele dieser hölzernen Helfer von damals gibt es heute nicht mehr. Das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg verfügt nach eigenen Angaben über nur ein Original, das derzeit aber aus Platzgründen nicht im Ausstellungsbereich über Flucht und Vertreibung aus Ostpreußen zu sehen ist.

Mit der hölzernen Grundkonstruktion aus Pritsche und Leiterwänden damals hat der Bollerwagen heute nur noch wenig zu tun. Mittlerweile ist er gar eine Art Lifestyleobjekt. Manche Modelle kosten bis zu 500 Euro. Günstiger und platzsparender sind Faltkonstruktionen aus Kunststoff. Das Internet hält zudem zahlreiche Ideen für „Upcycling“ und „Tuning“ in Sachen Bollerwagen bereit: Auf der Basis von Achsen, Deichsel und vier Reifen lässt sich ein fahrbarer Untersatz mit Sitzfläche, Schutzdach, Sound- und Lichtanlage zimmern. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Hauptsache, es bollert.

„Flurprozessionen“ zu Himmelfahrt

Der Ausdruck „boller“ leitet sich entweder vom plattdeutschen Wort „Bol“ für alles Runde oder dem Niederländischen „bolder“ ab, was so viel wie poltern bedeutet. Wenn der Wagen über Stock und Stein gezogen wird, kann es in der Tat ziemlich poltern. Möglich, dass auch die Gläubigen im Mittelalter schon einen Bollerwagen dabeihatten, als sie bei den sogenannten „Flurprozessionen“ am Himmelfahrtstag über die Felder zogen. Aus diesem Brauch entwickelten sich im 19. Jahrhundert „Herrenausflüge“ mit bunt geschmückten Wagen, mit denen man von einem Wirtshaus zum nächsten zog - nicht viel anders als die heutigen Zechtouren.

Von Kerstin Hergt (epd)