Der Tag ist noch gar nicht rum, Halbzeit am Mittagstisch. Worüber sich wohl niemand beim Essen Gedanken macht: Schon zu diesem Zeitpunkt hat bereits eine ganze Reihe von Menschenrechten unser Leben begleitet, vielleicht zehn, vielleicht noch mehr. „Zum Beispiel beim Zeitungslesen am Frühstückstisch das Recht auf Meinungsfreiheit, in der Schule das Recht auf Bildung, beim Job das Recht auf Arbeit“, verdeutlicht Miriam Menzel. Sie kuratiert für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine Wanderausstellung zum Thema Menschenrechte, die jetzt erstmals in Bremen zu sehen ist. Ein Blick auf eine bedrohte Schatzkiste.
Die am 10. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedete Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, das wird in der Schau schnell klar, hat direkten Einfluss auf das Leben jedes Einzelnen. Und sie steht unter Druck, auch in Deutschland. „Menschenrechte werden zunehmend als lästig behandelt, inhaltlich abgelehnt oder gar als Ideologie verunglimpft“, warnte das Deutsche Institut für Menschenrechte im vergangenen Jahr bei der Vorstellung des zehnten Menschenrechtsberichtes an den Bundestag.
Informieren und animieren
„Die Menschenrechte, die uns schützen sollen, brauchen selbst Schutz“, betont Ausstellungs-Kuratorin Menzel am Samstagabend bei der Eröffnung der Ausstellung, die nun unter dem Titel „Zusammen. Frei und Gleich.“ bis zum 27. Mai in der Bremer Innenstadtkirche Unser Lieben Frauen zu sehen ist. Ihr Ansatz: Informieren und animieren. Informationen finden die Besucher unter anderem auf großen Luftkissenelementen, an Stecktafeln oder Video- und Audiostationen. Auch können sie selbst Vorschläge machen, wie Menschenrechte im Alltag geschützt werden können.
Wobei das Konzept der Schau bewusst auf eine hoffnungsbasierte Erzählweise setzt. „Es geht um die Frage, wie wir uns lokal engagieren können, damit Menschenrechte leben“, verdeutlicht Menzel. Exemplarisch werden alltagsnah insbesondere die Menschenrechte auf Bildung, Wohnen sowie Religions- und Weltanschauungsfreiheit in den Blick genommen.
Gemeinsam geht es besser
Beispiel Wohnen, das als Teil angemessener Lebensstandards in Artikel 25 der Menschenrechtserklärung vorkommt: Die Vorschläge auf Infotafeln der Ausstellung zum Engagement reichen von Gemeinschaftsgärten über Nachbarschaftsplattformen wie „nebenan.de“ bis zu Mehrgenerationen-WG's. Eine der zentralen Botschaften der Ausstellung bei allen Vorschlägen: Gemeinsam kommt man besser voran, auch wenn es manchmal nahezu aussichtslos erscheint.
„Man kann für Menschen kämpfen, auch wenn alle sagen, dass es keinen Sinn hat“, bekräftigt die belarussische Künstlerin und Bürgerrechtlerin Maria Kalesnikava beim Festakt zur Eröffnung. Das habe sie selbst erlebt. Die 43-jährige Oppositionelle war im vergangenen Dezember in ihrem Heimatland auch auf internationalen Druck aus politischer Gefangenschaft entlassen worden.
„Jeder muss etwas tun“
„Wir sind überzeugt, dass jede und jeder von uns jeden Tag etwas für den Schutz der Menschenrechte tun kann und auch tun muss“, sagt Kuratorin Menzel. Sie freut sich, dass die Ausstellung als Teil der EKD-Menschenrechtsinitiative „Frei und Gleich“ nach Bremen bundesweit wandert und für die nächsten zwölf Monate schon ausgebucht ist. So ist sie bis zum Jahresende in Nienburg, Braunschweig, Merseburg, Steinfurt und Berlin zu sehen.
Und warum der Start in der Bremer Liebfrauenkirche? Ein Grund dafür steht nur ein paar Schritte von der gotischen Kirche entfernt - die Bronzeplastik der Bremer Stadtmusikanten, die an das berühmte Märchen der Gebrüder Grimm erinnert. Die Botschaft der rebellischen Rentner: Herkunft, Einsamkeit, Arbeitslosigkeit - es kann im Leben viele Hürden geben. Aber keine ist so hoch, dass sie nicht mit Mut und Solidarität zu überwinden wäre. Gemeinsam.
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