Der Stamm ist bis in die Krone hohl, verknorpelt und verknöchert. Oft sind Wucherungen zu erkennen, an anderen Stellen morsches Holz, von Pilzen zersetzt. Gewitter haben im Holz gewütet. Nach Norden hin ist der Stamm offen, eine schwere Wunde: Eine Luftmine hat ihn am 9. November 1942 aufgerissen. In jüngster Zeit setzt der Klimawandel der Linde auf dem Friedhof vor der evangelischen Kirche in Bremen-Horn ordentlich zu. Und doch: Der Baum ist erstaunlich vital. Eine Rettungsaktion soll dem Methusalem noch viele weitere Jahre bescheren.
„Das Alter wird auf bis zu 900 Jahre geschätzt“, sagt Gemeindepastor Stephan Klimm. Holländische Bauern, die seit Anfang des 12. Jahrhunderts die Region besiedelten, sollen die Sommer-Linde bei ihrer Kirche vom Heiligen Kreuz gepflanzt haben. Heute gilt sie als ältester Baum Bremens, kippt allerdings langsam und bedenklich in südliche Richtung. Es gibt Handlungsbedarf.
Ein Stützgerüst schützt vor dem Kippen
„Bei großer Trockenheit in den zurückliegenden Jahren hat der Baum geknarrt und geächzt“, erinnert sich Klimm. Im Stamm und im Astwerk entstanden große Sprünge. „Wir hatten schon Angst, er fällt um.“ Deshalb hat die Linde nun ein Stützgerüst bekommen, das vor dem Kippen schützt. Dabei gehe es nicht nur um die Bewahrung der Schöpfung und des historischen Erbes, sondern auch um den Schutz von Besucherinnen und Besuchern des Friedhofs, erklärt der Pastor.
Die Chancen, dass die Arbeiten von Erfolg gekrönt sind, stehen trotz des teils bedenklichen Zustandes des Baumes gut. „Linden sind Überlebenskünstler, haben ein großes Vermögen zur Regeneration“, betont der Bremer Baumpfleger Stefan Schwarz, der sich schon seit 15 Jahren um die uralte Linde kümmert und ihr jetzt mit zwei Stützen hilft.
Luftwurzeln halten den Baum stabil
Verankert sind sie zwischen den Gräbern, was Klimm zufolge sorgfältige Planungen und Gespräche notwendig gemacht hat. „Es gibt eine Verbindung zwischen dem Baum und den Menschen, die hier liegen - das hat auch symbolischen Charakter“, findet der Gemeindepastor.
Beeindruckendes Indiz für den Überlebenswillen des Baumes ist das an vielen Stellen noch vitale Kambium, eine dünne Gewebeschicht zwischen Borke und Holz, die Wasser und Nährstoffe befördert. Und was ist das - Wurzelarme, die sich von oben kommend und nach unten verjüngend in den Boden bohren? „Adventivwurzeln“, nennt Pastor Klimm den Begriff für die Luftwurzeln, die den Baum stabilisieren und Fäulnis im hohlen Stamm kompensieren. Ein Schlüsselfaktor für das enorme Alter, das Linden erreichen können.
Baum-Professor: In der obersten Liga
Zwar ist die Bremer Linde wohl nicht die älteste ihrer Art in Deutschland, die steht mutmaßlich in Upstedt bei Hildesheim. Aber sie sei „unwahrscheinlich beeindruckend, bundesweit in der obersten Liga“, schwärmt der Dresdner Baum-Professor Andreas Roloff. Er kenne die Linde gut, es gebe nur wenige dieser Art in Großstädten, sagte der gebürtige Bremer, der sich bundesweit für alte Bäume einsetzt. „Zu viele werden verstümmelt oder gekappt, um sie vermeintlich verkehrssicher zu machen.“
Auch die Bremer Friedhofslinde musste schon Holz lassen. Ihre Krone wurde beschnitten, damit sie im oberen Drittel kein Übergewicht bekommt und kippt. Jetzt haben sich die Landeskirche und die Gemeinde zusammengetan, um jeweils zur Hälfte die weiteren Baumsicherungsarbeiten zu finanzieren. Kostenpunkt: rund 17.500 Euro. Gut angelegtes Geld, davon ist die Kirche überzeugt. Und auch Baumpfleger Stefan Schwarz meint: „Dieser Baum kann noch sehr alt werden.“