Am Mainzer Rheinufer hat ein kleines Königreich seine Unabhängigkeit erklärt. Mehrere Tage lang simulieren über 1.000 Schülerinnen und Schüler, wie ein Staat funktioniert - mit Parlament, Grenzkontrollen, Regierung und eigener Währung.
Mainz (epd). Allzu viel Aufhebens hat König Farid Badalov nicht um seine Krönungsfeier gemacht. In Shorts und T-Shirts lässt sich der Monarch von den beiden Verfassungsrichtern Krone und Zepter überreichen. Für einige Tage wird er nun ein Land regieren, das bislang auf keiner Karte zu finden ist: Seine Schule, das Mainzer Schlossgymnasium hat sich im Rahmen eines mit riesigem Aufwand betriebenen Planspiels zum unabhängigen Königreich Schlopolis erklärt. „Unser Staat funktioniert nur, wenn alle mitmachen“, appelliert der junge Monarch in einer kurzen Ansprache an seine Untertanen.
In den Tagen vor den Ferien haben die Lehrkräfte des Schlossgymnasiums nicht mehr viel zu melden in der altehrwürdigen Schule, in der über 1.000 Schülerinnen und Schüler das Funktionieren eines Staates simulieren. Die meisten Kinder und Jugendlichen haben entweder eigene Unternehmen gegründet oder dort Arbeit gefunden. Das Königreich hat sogar ein eigenes Finanzwesen aufgebaut, Besucher können, nachdem sie die Grenzkontrolle passiert haben, Euro in der Zentralbank zum Kurs von 1:5 in die digitale Landeswährung Schlopo wechseln. Schüler und Lehrkäfte erhalten ein Gehalt auf ihr Konto, umgerechnet mindestens zwei Euro am Tag. Gezahlt wird an den zahlreichen Waffelständen oder Cocktailbars mit QR-Code und Pin.
Standesamt stellt Freundschafts-, Hochzeits- und Sterbeurkunden aus
Die beiden Zwölfklässlerinnen Atena und Ela haben sich für eine sichere Karriere im Staatsdienst von Schlopolis entschieden - und leiten das Standesamt. Dort stellen sie gegen Gebühr Freundschafts-, Heirats- oder Scheidungsurkunden aus. Für den Fall der Fälle haben sie sich sogar einen kleinen Stapel an Vordrucken für Sterbebescheinigungen bereitgelegt. „Es gab bereits fünf Hochzeiten und eine Adoption“, sagt Amtschefin Ela zufrieden. Eines der Paare hat sich dafür sogar Musikanten bestellt, die zu der offiziellen Vermählungszeremonie Michael Jacksons „Bad“ auf der Ukulele darbieten.
Die Staatsspitze von Schlopolis ist derweil auch damit beschäftigt, ausländischen Besuchern ihr Reich zu zeigen. Die neue Mainzer Bildungsministerin Ute Eiling-Hütig (CDU) stattet dem Nachbarland einen Besuch ab und ist voll des Lobes über das Planspiel, das so oder ähnlich unter der Dachmarke „Schule als Staat“ auch anderenorts in Deutschland schon stattfand, vor allem in Baden-Württemberg. Beim Besuch einer Parlamentssitzung, wo die linksgerichtete Mehrheit der Abgeordneten gerade über eine Anhebung des Mindestlohns debattiert, versucht sie, den radikalen Jungpolitikern zu viel staatliche Engriffe in die Wirtschaft auszureden.
Dem Unabhängigkeitstag von Schlopolis sind jahrelange Vorbereitungen vorangegangen, bereits im Frühjahr fanden Parlamentswahlen statt. Das Schlossgymnasium hat aber bereits einige Erfahrung mit dieser ganz ungewöhnlichen Form einer Projektwoche, denn schon 2011, 2016 und 2022 gab es Vorgängerplanspiele. Manches hat sich seither verändert, so gab es einst sogar gedruckte Schlopo-Banknoten im Gegenwert von 100.000 Euro. Die Nationalhymne vom ersten Durchgang blieb allerdings auch nach Einführung der Monarchie unangetastet.
Stimmung kann bei Pleitewelle kippen
Zumindest beim Auftakt sind die Schülerinnen und Schüler mit riesigem Eifer bei der Sache, überall in den Korridoren werben Angestellte für Snacks, Spieleangebote oder selbstgebastelte Handfächer. „Die Stimmung kippt manchmal am zweiten Tag, wenn die ersten Betriebe pleite gehen und ihre Mitarbeiter nicht mehr bezahlen können“, berichtet Carsten Monz, einer der betreuenden Lehrer, von den Erfahrungen voriger Durchläufe. Wer seinen Job verliert oder mit seiner Geschäftsidee scheitert, fällt nicht ins Bodenlose. Das Arbeitsamt vermittelt freie Stellen.
Damit in Schlopolis alles mit rechten Dingen zugeht, gibt es sogar eine Polizei und die Verfassungsrichter, die zugleich für alle Straf- und Zivilprozesse zuständig sind. „Wir hatten schon ein Strafverfahren gegen einen Betrieb, der abgelaufene Lebensmittel angeboten hatte“, schildert Leonard Pesch seinen Arbeitsalltag. In solchen Fällen kann das Gericht Geldstrafen verhängen. Auch ein junger Gesetzesbrecher muss zahlen, der zwei Dosen Limonade aus einem Café mitnahm. Mit dem Verfahrensausgang ist der geschädigte Unternehmer allerdings nur bedingt zufrieden: Die wenigen Schlopo Schadenersatz deckten kaum die Kosten seiner Anwälte, klagt er.