Statt Schlachthof: Ein Ochse zum Liebhaben
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Johanna Steinacher ist früher auf Pferden geritten; auf dem Rücken von Ochse Loui fühlt sie sich aber ebenfalls sehr wohl.
Allgäuer Jungbäuerin und Ochse Loui sind ziemlich beste Freunde
Hopferau, Ostallgäu (epd).

Der sechsjährige Loui liebt Schokoladenkekse, ist verschmust und läuft an diesem schwülen Sommertag zielstrebig Richtung Spielplatz. Ganz normal für kleine Jungs - mit dem Unterschied, dass Loui ein 1,90 Meter großer und 1,6 Tonnen schwerer Ochse ist, also ungefähr so hoch wie ein Kleinbus und fast so schwer. Dass er im Alter von vier Wochen nicht verkauft wurde und auf dem Schlachthof landete, hat er Johanna Steinacher zu verdanken. Die 18-Jährige bewirtschaftet mit ihrem Vater Georg den Hof in Hopferau im Ostallgäu - unweit des Touristen-Hotspots Schloss Neuschwanstein.

„Er war so wuschelig und süß“, erinnert sich Johanna ans Jahr 2020, als Loui auf die Welt kam. Sie habe ihren Vater angebettelt, Loui erst einmal nicht zu verkaufen. Die Freundschaft zwischen beiden wurde immer enger - und das Kälbchen immer größer. Inzwischen nimmt Johanna, die „nur“ 1,75 Meter misst, mit Loui auch bei Ochsenrennen und Geschicklichkeitsturnieren für Pferde teil. Dort sind beide regelmäßig eine Attraktion: Sie in Lederhosen oder Dirndl, Loui herausgeputzt mit Blumenkranz und Glitzer. „Wir sind zwar nicht die schnellsten, aber die schönsten“, lacht Johanna. Das außergewöhnliche Duo hat es bereits zu einer gewissen Berühmtheit gebracht in der Region.

Die junge Frau ist früher auf Pferden geritten; auf dem Rücken von Kühen und Ochsen fühlt sie sich aber ebenfalls wohl. Für die Ausritte mit Loui hat sie einen extragroßen Sattel besorgt, Johanna voltigiert sogar auf dem Ochsen - und macht auch schon mal einen Kopfstand auf ihm. Irgendwann hat es ihr Vater Georg nicht mehr übers Herz gebracht, Loui zu verkaufen. „Loui gehört zum engen Familienkreis“, sagt er. Zum weiteren Familienkreis gehören 130 Stück Vieh: Im Stall stehen 50 Milchkühe und einige Ochsen. Der Rest - meist Jungvieh - verbringt die Sommermonate auf der Alm.

Loui ist nicht zum Schlachten da, sondern zum Liebhaben

Durch seine imposanten Ausmaße sticht Loui unter seinen Artgenossen heraus, die neben ihm wie Kälbchen aussehen. Die Boxen sind für Loui inzwischen zu klein, die Steinachers haben ihm daher einen eigenen Stadel gebaut. „Wenn ich gewusst hätte, wie groß er wird, hätte ich mich wahrscheinlich nicht überreden lassen, ihn zu behalten“, sagt Georg Steinacher, während er ein paar Fliegen von Louis Rücken verscheucht. Seine Tochter protestiert umgehend: „Loui ist nicht zum Schlachten da, sondern zum Liebhaben.“ Ihr Vater grinst. Die zwei verstehen sich gut.

Johanna Steinacher ist angehende Landwirtin, Anfang Juli hat sie ihre Abschlussprüfungen gemacht. Für sie steht schon lange fest, dass sie den Hof übernehmen will. Neben dem Vieh muss sie sich auch noch um die Grünflächen kümmern, wo das Heu für die Tiere herkommt. „Viel Arbeit“, sagt sie. Für Loui bleibe aber immer Zeit. Der Ochse sei inzwischen fast schon ein Hofmaskottchen, erzählt Georg Steinacher. Die Feriengäste am Bauernhof spielten gern mit Loui, die Kinder dürften auch mal auf ihm reiten. In der Tat wirkt Loui tiefenentspannt, er lässt sich ausgiebig streicheln. Angeleint ist er nicht, auch der Hof ist nicht eingezäunt. „Er läuft ja nicht weg“, sagt Georg Steinacher.

Hasskommentare machen Johanna zu schaffen

Wie entspannt Loui ist, merkt man auch, wenn Johanna Steinacher aufsitzt - der imposante Ochse zuckt nicht mal mit der Wimper. Ein paar Fahrradfahrer halten an, um das Schauspiel zu beobachten. „Ich wiege 50 Kilogramm, Loui 1,6 Tonnen“, sagt Johanna Steinacher - und wird ernst. Zig Hasskommentare habe sie nach einem TV-Beitrag über sich und Loui bekommen. Tierquälerei, keine artgerechte Haltung, und so weiter. Irgendwann habe sie aufgehört, die Kommentare zu lesen. Wütend ist sie trotzdem noch: „Was denken die Leute?“ Wenn seine Reiterin Loui stören würde, läge sie schnell auf dem Boden.

Die Meinung über Landwirte sei nicht immer die beste, auch die Arbeitsbedingungen würden nicht leichter, sagt das Vater-Tochter-Gespann: Bürokratie, Dürre und Hitze, Wölfe auf der Alm, der von einigen Seiten kritische Blick auf die Nutztierhaltung, der schwankende Milchpreis - all das seien große Herausforderungen, zählen sie auf. Auch im Urlaub seien sie seit Jahren nicht gewesen. „Als ich acht oder neun war das letzte Mal“, rechnet Johanna Steinacher nach. Und trotzdem: „Für mich ist Landwirtin ein Traumberuf.“ Denn: Wer sonst hat einen kuscheligen Ochsen zum Freund? (2245/10.08.2026)

Von Christiane Ried (epd)