Auf den Spuren eines blutigen Kapitels der Vergangenheit
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Wanderer auf den Spuren protestantischer Glaubensflüchtlinge
Österreicher und Oberpfälzer erwandern gemeinsame Exilgeschichte
Regensburg (epd).

Vierhundert Jahre nach dem „Blutgericht auf dem Haushamerfeld“ haben sich Teilnehmer aus Oberösterreich und der Oberpfalz auf den historischen Weg der damaligen Glaubensflüchtlinge gemacht. In 14 Tagen wollen sie die Strecke von Frankenburg im heutigen Oberösterreich bis nach Sulzbürg in Bayern zurücklegen. Die Wanderung soll Geschichte körperlich erfahrbar machen und zugleich eine Brücke zwischen Katholiken und Protestanten schlagen.

„Menschen haben heute weltweit ähnliche Situationen wie damals vor 400 Jahren“, sagt Ruhestandspfarrer Konrad Schornbaum aus Sulzbürg bei einem Zwischenstopp in Regensburg. Die Wanderung mache die Entfernung erlebbar, die die Menschen damals auf sich nehmen mussten.

Körperliche Belastung schweißt Gruppe zusammen

Die Idee zu dem ungewöhnlichen historischen Projekt hatte Ernst Aicher aus Frankenburg. Bei einem Gastspiel des „Frankenburger Würfelspiels“ in Sulzbürg vor zwei Jahren fragte er sich, wie es den Menschen wohl ergangen sei, die ihre Heimat verlassen und in eine ungewisse Zukunft aufbrechen mussten. „Damals gab es keine Straßen, nur ausgetretene Pfade, Brückenzölle und Kirchtürme als Orientierung“, sagt er. Die mehr als ein Dutzend Teilnehmer wollen diesen Weg nun selbst nachvollziehen.

Geplant waren Etappen von 20 Kilometern, tatsächlich lagen sie zwischen 8 und 31 Kilometern. Die körperliche Belastung habe die Gruppe zusammengeschweißt, berichtet Schornbaum. „Wir kannten uns kaum und haben Hochs und Tiefs, Auseinandersetzungen und Streitereien durchgestanden.“ Am Ende sei ein starkes Gemeinschaftsgefühl entstanden.

Ein blutiges Kapitel des Dreißigjährigen Krieges

Hinter dem Projekt steht die Geschichte des Frankenburger Würfelspiels. 1625, in den frühen Jahren des Dreißigjährigen Krieges, sollte die überwiegend protestantische Bevölkerung im damals zu Bayern gehörenden Oberösterreich rekatholisiert werden. Die Frankenburger wehrten sich gegen die Einsetzung eines katholischen Pfarrers, vertrieben ihn - und den Herrschaftspfleger.

Der Aufstand endete nach drei Tagen zunächst unblutig. Doch der bayerische Statthalter im Land ob der Enns, Graf Adam von Herberstorff, sollte auf Druck des katholischen Kaisers und des bayerischen Herzogs ein Exempel statuieren, berichtet Michael Neudorfer vom Würfelspielverein.

Bayerischer Statthalter gilt als verhasste Figur

Rund 5.000 Männer mussten sich auf dem Haushamerfeld versammeln. Ihnen wurde Gnade versprochen, sollten sie vollzählig erscheinen. Die „Gnade“ bestand darin, dass 36 ausgewählte Männer paarweise gegeneinander würfeln mussten. 18 sollten hingerichtet werden, die anderen 18 durften überleben. „Das war die blutige, grausame Gnade des Grafen Herberstorff“, sagt Neudorfer. Bis heute gelte der Statthalter in Oberösterreich als eine besonders verhasste Figur der Regionalgeschichte.

Das Ereignis blieb im kollektiven Gedächtnis. Im 19. Jahrhundert wurde aus dem ursprünglichen „Blutgericht auf dem Haushamerfeld“ das heute bekannte „Würfelspiel“. Seit 1938 wird das Historienspiel - mit kriegsbedingten Unterbrechungen - regelmäßig aufgeführt. Fast 500 Laienspieler wirken daran mit. In dem rund 5.000 Einwohner zählenden Ort Frankenburg sind etwa 1.000 Menschen mit Organisation und Durchführung beschäftigt.

Von der Hinrichtung zur Hoffnung

Für die Initiatoren endet die Geschichte allerdings nicht mit dem Blutgericht. Das Würfelspiel selbst schließt mit der Auswanderung derjenigen, die ihrer Heimat den Rücken kehren. Viele der protestantischen Exulanten zogen über Ortenburg nach Regensburg in die Grafschaft Wolfstein und ließen sich unter anderem in Sulzbürg nieder. Gerade darin sieht Neudorfer eine zentrale Botschaft der heutigen Wanderung. „So dunkel die Vergangenheit sein mag, es gibt einen Weg in die Hoffnung und das Licht und in eine gedeihliche Zukunft“, sagt er.

Die Grafschaft blieb trotz bayerischer Rekatholisierungsversuche protestantisch. Bis heute prägt der evangelische Glaube die Region. Manche Nachfahren der sogenannten Landler wissen noch genau, von welchen Höfen ihre Vorfahren in Oberösterreich einst aufgebrochen sind. Wenn ihre Gespräche darauf kommen, seien das Gänsehautmomente, sagt Neudorfer.

Von der Glaubensfeindschaft zur Ökumene

Aus der historischen Verbindung ist inzwischen eine enge Freundschaft zwischen Frankenburg und Sulzbürg beziehungsweise der Gemeinde Mühlhausen entstanden. Seit 2019 werden die Kontakte verstärkt gepflegt. Für Schornbaum hat das eine besondere Bedeutung. „Je globalisierter die Welt ist, umso weiter driften die Menschen mit ihren Vorstellungen und Werten auseinander“, sagt er. Deshalb sei es wichtig, aufeinander zuzugehen, Empathie zu zeigen und sich anzunähern.

Auch Neudorfer sieht in der Wanderung eine Botschaft über konfessionelle Grenzen hinweg. Heute wirken am Würfelspiel fast ausschließlich Katholiken mit. In Frankenburg sind nur noch etwa fünf Prozent der Bevölkerung evangelisch. Was einst ein bitterer Glaubenskonflikt war, spiele im Alltag kaum noch eine Rolle. „Wenn das Stück einen Sinn hat, dann ist es, dass diese Grenzen überwunden werden“, sagt Neudorfer. Ernst Aicher geht noch einen Schritt weiter: „Eigentlich spielen wir unsere eigene schändliche Geschichte nach“, sagt der Katholik und Würfelspiel-Schauspieler.

Die letzten Kilometer

Noch stehen für die Wanderer die letzten größeren Etappen bevor. Von Berching aus wollen die Sulzbürger die letzten zehn Kilometer gemeinsam mit den Wanderern gehen. Am Sonntag ist ein ökumenischer Gottesdienst zum Abschluss.

Für Aicher wird sich der Erfolg des Projekts am Ende nicht allein an der zurückgelegten Strecke messen. Entscheidend sei, dass aus den einzelnen Wanderern eine Gemeinschaft geworden ist. „Wenn wir dieses Projekt am Ende auf dem Schlossberg in Sulzbürg abgeschlossen haben und alles gut gelaufen ist, dann bin ich sehr zufrieden.“ Und vielleicht lässt sich dabei etwas von der Erfahrung der Menschen nachempfinden, die vor 400 Jahren aufbrachen: Sie wussten nicht, was sie erwarten würde. Aber auch für sie ging am nächsten Morgen die Sonne wieder auf. (2402/28.08.2026)

Von Gabriele Ingenthron (epd)