Schau zu Lindgren-Illustrationen: Begegnung mit der Kindheit
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Pippi Langstrumpf von Illustratorin Katrin Engelking (2020)
Oberhausen (epd).

Pippi Langstrumpf - wer hätte bei diesem Namen nicht sofort die freche rothaarige Göre mit Sommersprossen und abstehenden Zöpfen vor Augen? Sie ist eine der vielen unverwechselbaren Figuren der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren (1907-2002), die Generationen von Kindern geprägt haben - mutig und unangepasst, vor allem die Mädchen. Ihr einzigartiges Gesicht jedoch haben die literarischen Fantasiewesen aus dem Lindgren-Kosmos erst durch Illustratorinnen und Illustratoren bekommen, die sie mit Pinsel, Stift und Farbe zum Leben erweckt haben: allen voran die heute 96-jährige Ilon Wikland oder Rolf Rettich und Björn Berg.

Grund genug für die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, ihnen jetzt eine eigene Ausstellung zu widmen. „Pustekuchen, Schabernack und Plutimikation - Astrid Lindgrens Welt in Bildern“, so der Titel der neuen Schau, in der auch Michel aus Lönneberga, Lotta aus der Krachmacherstraße oder Meisterdetektiv Kalle Blomquist präsent sind.

„Gute Buchillustration muss aufgewertet werden, sie ist ein ganz eigener künstlerischer Beitrag“, erklärte Museumsdirektorin Christine Vogt am Donnerstag. Sie selbst sei „schockverliebt“ gewesen beim Anblick der rund 300 teils großformatigen Originalexponate, die ab Sonntag bis 17. Januar 2027 zu sehen sind. Eine Begegnung mit der eigenen Kindheit für ältere Generationen, und ein facettenreicher Anfang für Kinder und Jugendliche. In jedem Raum sind zudem nur knapp über dem Boden kurze Zitate von Astrid Lindgren zu lesen wie „Ich schreibe für das Kind in mir“. Die Bücher der überzeugten Humanistin, Pazifistin und Kinderrechtlerin wurden in über 100 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft.

Sanfte Modernisierung der Darstellungen durch jüngere Illustratoren

„Die Ausstellung ist wie ein begehbares Bilderbuch“, findet Kuratorin Linda Schmitz-Kleinreesink. Gleichzeitig verdeutlicht der Gang durch die sechs Säle auf rund 900 Quadratmetern auch den Wandel der Darstellungen seit den 1940er Jahren. Schon im großen Eingangsraum, der der Lindgren-Ikone Pippi Langstrumpf gewidmet ist. Hier finden sich viele Gute-Laune-Bilder von Katrin Engelking, Jahrgang 1970, aus den 2000er Jahren mit einer umwerfenden Farbigkeit und Fröhlichkeit der Figuren.

Bei „Pippi Langstrumpf feiert Geburtstag“ sind neben traditionellen Zimtschnecken aber ganz zeitgemäß auch Muffins und Sushi auf dem Tisch. Kuratorin Sarah Hülsewig spricht von einer „sanften Modernisierung“ über die Jahrzehnte, entwickelt durch jüngere Kunstschaffende, die der federführende Hamburger Verlag Oetinger beauftragt habe: „Man sieht Entwicklungen, aber keine krassen Modernisierungen.“

Zu den jüngeren Illustratorinnen zählen neben Engelking auch die Schwedinnen Maria Nilsson Thore, Jahrgang 1975, und Marit Törnqvist, Jahrgang 1964, oder Jutta Bauer mit ihren unverkennbaren Kalle Blomquist-Titeln aus den 1990er Jahren. Auch sie sind im Original zu sehen. „Vignette (kann verkleinert werden)“, steht mit Bleistift auf einem ihrer Bilder - ein Hinweis fürs Layout, der sicher nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war.

Vorbild für Ilon Wiklands Karlsson-Figur war ein Gemüsehändler

Von unvergleichlicher Intensität jedoch sind bis heute die Illustrationen der schwedisch-estnischen Künstlerin Ilon Wikland, Jahrgang 1930. Ihre Zeichnungen der frei und ausgelassen herumtobenden Kinder von Bullerbü, die Darstellung des kauzigen, dicken Karlsson vom Dach oder die selbstbewusste Ronja Räubertochter sind ins kollektive Gedächtnis vieler Kinder und Erwachsener auf der ganzen Welt eingegangen. „Unsere Mutter hat immer gearbeitet“, berichtet Tochter Fredrika Wikland, die die Ausstellungseröffnung in Oberhausen zusammen mit ihrer Schwester begleitet. Das Vorbild für die ikonische Karlsson-Figur 1955 etwa sei „ein strubbeliger Gemüsehändler“ aus Paris im karierten Hemd gewesen. Die Mutter sei ihm gefolgt, um ihn zu zeichnen - und als Kinderbuchklassiker unvergesslich zu machen.

Von Bettina von Clausewitz (epd)