Die documenta fifteen 2022 machte unter anderem mit antisemitischen Werken Negativ-Schlagzeilen. Seitdem hat sich einiges getan, um einen derartigen Skandal bei der im nächsten Jahr anstehenden documenta zu verhindern. Was er von den Neuerungen hält und ob es auf der documenta 2027 auch wieder zu antisemitischen Vorfällen kommen kann, sagte der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, dem Evangelischen Pressedienst (epd).
epd: Herr Zimmermann, während der documenta fifteen 2022 haben Sie mit Blick auf den damaligen Antisemitismusskandal einmal gesagt, die documenta hänge nur noch am seidenen Faden. Sehen Sie nach allem, was seitdem beschlossen wurde, um Antisemitismus künftig besser zu verhindern, die documenta immer noch am seidenen Faden hängen?
Olaf Zimmermann: Ich glaube, der gesamte Kulturbereich hängt bei diesem Thema ein wenig am seidenen Faden. Die documenta war ja der erste große, bekannte Fall, aber danach hat es eine ganze Reihe weiterer Debatten und Diskussionen gegeben. Die Verantwortlichen - insbesondere das Land Hessen und die Stadt Kassel - haben versucht, Wege zu entwickeln, wie die documenta mit dieser Frage umgeht. Ich glaube, da wird schon einiges getan, und das ist positiv.
epd: Wie optimistisch sind Sie, dass es bei der documenta 2027 nicht wieder zu antisemitischen Vorfällen kommt?
Zimmermann: Es lässt sich nicht grundsätzlich verhindern, dass es antisemitische Ausfälle gibt. Wenn man es vollständig verhindern wollte, müsste man die Kunstfreiheit einschränken oder Zensur einführen - und das wollen wir ja nicht. Die entscheidendere Frage ist für mich deshalb nicht, ob so etwas noch einmal vorkommen kann, sondern: Wie geht man dann damit um?
Das große Problem der jüngsten documenta war aus meiner Sicht doppelt gelagert: Zum einen wurde antisemitische Kunst gezeigt. Zum anderen - und das halte ich für fast ebenso schwerwiegend - konnte man in diesen 100 Tagen nicht vernünftig darüber diskutieren. Die documenta selbst war nicht der Ort der Debatte, und genau das hätte sie sein müssen. Die verantwortliche Künstlergruppe hat sich verweigert: Ruangrupa hat einen Stein ins Wasser geworfen, aber als sich die Wellen ausbreiteten, wollte sie nicht darüber diskutieren.
Ich glaube, die nächste documenta wird unter großer Beobachtung stehen. Viele werden genau hinschauen, ob sie scheitert oder ob es einen neuen Skandal gibt. Deshalb wird eine zentrale Aufgabe sein, von Anfang an Räume für Diskussionen zu schaffen. Der Wille dazu ist, glaube ich, da.
epd: Inzwischen wurde Naomi Beckwith vom New Yorker Guggenheim-Museum als Künstlerische Leiterin berufen. Wie viel trauen Sie ihr im Zusammenhang mit der Antisemitismus-Diskussion zu?
Zimmermann: Ich kenne sie persönlich nicht, und das wäre für mich Voraussetzung, um ein Urteil abzugeben. Ich bin mir aber sicher, dass sich die Verantwortlichen im Vorfeld intensiv mit dieser Frage beschäftigt haben. Die documenta war immer ein Ort der Debatte, des Streits und der Auseinandersetzung. Es gab keine documenta ohne Konflikte - das wäre auch schlimm. Normalerweise haben sich die Künstlerinnen und Künstler diesen Diskussionen gestellt. Ich gehe davon aus, dass das mit der neuen Leitung wieder möglich sein wird. Dass sie Orte schafft, an denen diese Diskussionen stattfinden, und den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern klarmacht: Es geht nicht nur darum, Werke zu zeigen, sondern auch darum, einen Debattenraum zu eröffnen.
epd: Ist das nach dem Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Gaza-Krieg noch dringender geworden?
Zimmermann: Wir wissen natürlich nicht, wie die weltpolitische Lage während der nächsten documenta aussehen wird. Man kann nur hoffen, dass es im Nahen Osten Frieden gibt und sich die Situation im Gaza-Streifen verbessert. Ich glaube aber, Sie haben recht: Man wird nicht verhindern können, dass es Diskussionen zu diesem Thema gibt. Wichtig ist, die Pluralität der Diskussion sichtbar zu machen und gleichzeitig klar zu benennen, dass wir uns in Deutschland befinden, mit einer besonderen historischen Verantwortung. Es gibt nur wenige Tabus, aber Antisemitismus gehört eindeutig dazu.
Man kann selbstverständlich über Israel, den Gaza-Streifen, den Libanon oder den Iran diskutieren - und das sollte man auch. Aber das ist etwas anderes, als sich antisemitisch zu äußern. Das große Bild, das während der documenta fifteen 2022 abgehängt wurde, war keine politische Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt, sondern ein antisemitisches Stereotyp aus der NS-Zeit. Das ist purer Antisemitismus und hat nichts mit legitimer politischer Kritik zu tun.
epd: Es gibt inzwischen zwei Neuerungen: den Verhaltenskodex Code of Conduct und einen wissenschaftlichen Beirat. Wie bewerten Sie das?
Zimmermann: Zunächst einmal gibt es jetzt überhaupt einen solchen Code of Conduct, und der ist verbindlich - für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mit Ausnahme der künstlerischen Leitung und des kuratorischen Teams. Für diese gilt uneingeschränkt die Kunstfreiheit, wie es auch im Grundgesetz festgelegt ist. Für alle anderen ist klar geregelt: Verstöße können arbeitsrechtliche Konsequenzen haben. In letzter Konsequenz bedeutet das: Wer sich nicht daran hält, kann entlassen werden. Mehr kann man kaum machen.
Ich halte es für richtig, dass die künstlerische Leitung ausgenommen ist. Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes garantiert die Kunstfreiheit ohne Einschränkung. Dieser Schutz wurde bewusst nach den Erfahrungen des Faschismus verankert. Gleichzeitig sehen wir heute, dass es zunehmend Versuche gibt, Kunst stärker zu regulieren - oft mit guten Argumenten, etwa im Kampf gegen Antisemitismus. Aber das darf nicht dazu führen, die Kunstfreiheit einzuschränken. Das ist ein schwieriger Balanceakt. Der Code of Conduct selbst kann keine Räume für Diskussion und Streit schaffen, das ist Aufgabe der künstlerischen Leitung. Die Gesellschafter, also Land Hessen und Stadt Kassel, und in gewissem Umfang auch der Bund, werden darauf achten müssen, dass das umgesetzt wird.
epd: Dabei soll auch der wissenschaftliche Beirat helfen, der beratend tätig ist.
Zimmermann: Genau. Ich glaube, man hat diesmal sehr genau darauf geachtet, wen man in diesen Beirat beruft, sodass eine solide Grundlage vorhanden ist. Wie er sich bewährt, wird sich während der documenta zeigen. Es wird sicher Diskussionen und Auseinandersetzungen geben. Auch die Medien werden das aufmerksam begleiten. Diese Debatten lassen sich nicht verhindern, und das sollte man auch nicht versuchen. Man muss nur darauf vorbereitet sein.