Mutter des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes
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Germaine Acogny
Film über Choreografin Germaine Acogny kommt in die Kinos
Dakar (epd).

Sie ist zur Legende geworden, weil sie den zeitgenössischen Tanz revolutioniert hat: Mit ihrer „Methode Acogny“ integriert Germaine Acogny im Senegal afrikanische Tänze und Bewegungen in moderne Choreografien. „Das Ziel meiner Technik ist es, dass die Tänzer zu Natur werden, der Körper wird zum Spiegel der Natur, zum Archiv der Bewegungen“, sagt sie im epd-Gespräch. Die Natur inspiriere sie: „Die Bewegungen der Bäume, der Seerosen, des Perlhuhns.“ In ihrer Tanzschule am Meer gibt sie ihr Können weiter. Im Jahr 2021 wurde sie für ihr Lebenswerk auf der Tanzbiennale Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Der Film „Germaine Acogny: Die Essenz des Tanzes“ von Greta-Maria Becker dokumentiert das Leben und die Arbeit der französisch-senegalesischen Tänzerin und Choreografin. Am 28. Mai, ihrem 82. Geburtstag, kommt er auch in deutsche Kinos.

Afrikanische Traditionen, klassischer Tanz

Acogny kommt 1944 im westafrikanischen Benin zur Welt. Die Großmutter beeinflusst sie mit Gesten aus der Voodoo-Tradition. Acogny lernt afrikanische Traditionen sowie klassischen und modernen westlichen Tanz in Paris. Mit 24 gründet sie ihr erstes Tanzstudio in der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Mit Entschlossenheit und Talent entwickelt sie ihren eigenen Tanzstil, den sie mit einem Beispiel aus der Kochkunst erklärt: „Ich kann chinesisch, deutsch oder afrikanisch essen, aber ich bleibe Germaine Acogny“, betont die Künstlerin, die auch mit fast 82 eine trainierte Frau ist. „Ich werde nicht Chinesin oder Deutsche, sondern bleibe, wer ich bin, und verarbeite die Nahrung oder die Philosophie anderer Kontinente.“

Gemeinsam mit ihrem deutschen Ehemann Helmut Vogt eröffnet sie ihre eigenen Tanzschulen in Frankreich und im Senegal. 2004 gründet das Paar die „Schule des Sandes“ („Ecoles des Sables“) in Toubab Dialao an der senegalesischen Küste. Hier leben Germaine und Helmut in ihrem Haus am Meer - wenn sie nicht auf internationalen Tourneen unterwegs sind. Ihr gefallen die Hügel, das viele Grün und der Meerblick mit einer Lagune, auf der „wundervolle“ Vögel leben, wie sie sagt.

Senegalesischer Sabar-Tanz

Die Schule „Ecole des Sables“ erstreckt sich über vier Hektar, mit drei Dörfern für die Tänzer. Hier ist Platz für 72 Personen, die in drei offenen Tanzstudios Kurse machen. Im großen Studio werden derzeit Profitänzer aus aller Welt in der „Methode Acogny“ ausgebildet. Nach zwei Jahren sollen sie diese selbst lehren, die Weitergabe ihrer Technik ist das erklärte Ziel.

Gastprofessorin Yama Wade erklärt den Schülern an diesem Tag den typisch senegalesischen Tanz „Sabar“, der für Germaine Acogny eine große Rolle spielt. Ganz in Rosa gekleidet tanzt die Lehrerin vor, erklärt, wie wichtig die Atmung ist, wie sich der Körper bequem bewegt. Rechtshänder fangen anders an als Linkshänder. Sie zupft ihren Rock mit der rechten Hand nach oben, während der linke Arm eine weit ausladende Bewegung Richtung Himmel macht. Vom Meer weht eine sanfte Brise, die Schülerinnen und Schüler tanzen nach. „Ihr braucht euren Kopf nicht, der ist schwer“, korrigiert die Lehrerin unter dem Gelächter der Schüler: „Wenn ihr den mit in die Bewegung nehmt, wird er noch schwerer und ihr kriegt einen steifen Nacken.“

Tanz, Musik, Rhythmus

Die Perkussionisten kommen hinzu, darunter Maman Doufalbé. „Tanz, Musik und Rhythmus sind sehr strukturiert“, sagt er über die Technik von Germaine Acogny. Mit ihren traditionellen Instrumenten spielen die Musiker vielerlei Rhythmen mit Profis aus aller Welt.

Am Ende des nachmittäglichen Unterrichts tanzen die afrikanischen, europäischen und asiatischen Choreografinnen und Choreografen den Sabar-Rhythmus, als ob sie damit geboren wären. „Das hilft mir beruflich, das hilft meinem Körper und meiner Art, Afrikaner zu sein“, sagt der 33-jährige Ali Traore aus Burkina Faso begeistert: „Ich habe viel gelernt und fühle mich wie neugeboren in meinem Beruf als Tänzer. Tanz und Körper werden eins.“

Blick auf schwarze Körper ändern

Germaine Acogny geht es beim Tanz auch um eine Dekolonisierung des schwarzen Körpers. „Wir müssen den Blick der anderen auf schwarze Körper ändern“, sagt sie bestimmt. Oft werde der Körper von Schwarzen sexualisiert oder man empfinde ihn als schön, weil er gut tanze: „Aber man sieht nicht die Essenz der Bewegung“, bedauert Acogny.

Der Film „Die Essenz des Tanzes“ zeigt, wie sie auf entschlossene Art als Lehrerin motiviert und antreibt - bis heute unterrichtet sie Amateure und Profis. Besonders gerne gebe sie Kurse für Frauen über 50, von denen manche noch nie getanzt hätten: „Der Körper heilt, während man tanzt“, behauptet sie. Freilich könne einem danach alles wehtun: „Man hat das Alter, das man hat“, sagt sie lächelnd.

Film zeigt ihre Seele

Der Film zeige aber auch ihre Seele, betont Germaine Acogny und beendet das Gespräch mit einem Lob für Regisseurin Greta-Marie Becker und die Kamerafrau Sophie Maintigneux: „Diesen Film hätte ich tanzen können“, sagt Acogny: „Regisseurin und Kamerafrau hatten eine große Sensibilität, sie haben gespürt, wer ich bin, wie schwarze Körper sind und was ich zeigen wollte.“

Von Martina Zimmermann (epd)