Geistesgröße Goethe fühlte sich geradezu erleuchtet: „Wenn ich eine Seite im Kant lese, ist mir zu Mute, als träte ich in ein helles Zimmer.“ Düsterer das Urteil von Heinrich Heine: Immanuel Kant (1724-1804) sei der „große Zerstörer im Reiche der Gedanken“. Ein aktuelles Prädikat kommt von Schriftsteller Daniel Kehlmann: „Eine der größten geistigen Revolutionen, die es je gegeben hat in der Geschichte unserer Gattung. Das war Kant.“ In Lüneburg würdigt jetzt ein neues Museum den wichtigsten Denker der Aufklärung.
„Mit einzigartigen Objekten zeigen wir den Menschen Kant und sein Leben in Königsberg“, sagt Kurator Tim Kunze. „Im Mittelpunkt aber stehen seine Ideen und ihre Bedeutung bis heute.“ Ein Festakt zur Eröffnung findet am 11. März statt. Ab dem 12. März ist das Kant-Museum für Besucher zugänglich - an den ersten vier Tagen sogar ohne Eintritt.
Von Duisburg nach Lüneburg
Aber warum Lüneburg als Standort, wo Kant nie war? Seit Langem gibt es dort das Ostpreußische Landesmuseum (OL). In dessen Sammelgebiet fällt Kants Heimat, das einstige Königsberg und heute russische Kaliningrad. 2016 übernahm das OL eine bedeutende Sammlung zu Kant aus Duisburg, wo das Museum Stadt Königsberg schließen musste.
Damit bot sich die Chance, in Lüneburg ein eigenes Museum für den Philosophen zu errichten - als Anbau des OL. Bund und Land förderten das Projekt mit insgesamt acht Millionen Euro. Die Eröffnung war ursprünglich zu Kants 300. Geburtstag im April 2024 geplant. Doch wegen Verzögerungen beim Bau, unter anderem wegen archäologischer Funde in der Baugrube, war dieser Termin nicht zu halten.
Auf 500 Quadratmetern ist nun ein Blick in Kants Alltag und Denken möglich. Im Erdgeschoss empfängt eine virtuelle Rekonstruktion der einstigen Stadt Königsberg die Besucher. Im ersten Stock veranschaulichen mehrere Tische Aspekte von Kants Leben. „Am Schreibtisch war er der präzise Gelehrte, am Esstisch der unterhaltsame Weltmann“, so das Museum.
Tischgespräche mit prominenten Stimmen
Beispielhafte Gespräche an der Mittagstafel sind an Audiostationen zu hören. Die Stimme Kants wurde von der Schauspielerin Katharina Thalbach eingesprochen. Auch ein Billardtisch wurde aufgestellt: Kant war in der Königsberger Gesellschaft offenbar ein gefürchteter Gegner. Mit Poker und Billard hatte der Philosoph sein Studium finanziert.
Nach diesem biografischen Einstieg wird Kants Denken dargestellt - in den Feldern Erkenntnis, Moral und Politik und immer mit Bezug zu heutigen Fragen. „Kant fordert uns auf, alles mit Vernunft kritisch zu hinterfragen“, betont der Leiter des OL, Joachim Mähnert. Ggerade in der digitalen Welt sei ein mündiger und aufgeklärter Umgang mit Wissen wichtig.
An einer Station geht es deshalb um das Erkennen von Fake News. Andere Stationen befassen sich mit Kants Konzept des Friedens, mit Tierrechten als ethischer Herausforderung oder mit der Anwendung des kategorischen Imperativs („Handle so, dass dein Handeln für alle gelten könnte“) auf eine Alltagssituation („Darf ich lügen?“).
„Kantdown“ bis zur Eröffnung
Ein „Weltweiser“ wie Kant ist auch in der Populärkultur vertreten, wie auf einer Wand im Museum zu besichtigen ist: mit Wortspielen von „Hochkant“ und „Kantine“ bis „Yes we Kant“, mit Karikaturen, Internet-Memes oder einem humoristischen Gedicht von Robert Gernhardt über den schweigsamen Philosophen. Auch das Museum selbst schreckt vor Kant-Kalauern nicht zurück und spricht auf der Website vom „Kantdown“ bis zur Eröffnung.
„Die Neugier auf das Kant-Museum ist groß“, hat Leiter Joachim Mähnert bereits festgestellt. Bei der Nacht der Museen, die vor Kurzem in Lüneburg stattfand, war ein erster Blick in die fast fertige Ausstellung möglich. „Die Menschen standen Schlange, um diese Gelegenheit zu nutzen“, sagt Mähnert. Kant kann's halt - immer noch.