Ahmad Milad Karimi, Professor für Kalam, Islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster, spricht sich in seinem neuen Buch dafür aus, die Schönheit des Judentums zu entdecken. Dem Evangelischen Pressedienst (epd) erklärt er, was ihn am Judentum inspiriert, und warum die theologische und spirituelle Nähe der beiden Traditionen Teil der Lösung sein kann.
epd: Sie haben ein Buch mit dem Titel „Die Schönheit des Judentums. Eine muslimische Liebeserklärung“ (Patmos-Verlag, Ostfildern) geschrieben. Was hat sie dazu motiviert?
Ahmad Milad Karimi: Ich habe dieses Buch in einer Zeit geschrieben, in der der Hass so laut geworden ist, dass die Liebe kaum noch vernehmbar scheint. Gerade seit dem 7. Oktober 2023 und den darauffolgenden Eskalationen ist spürbar, wie schnell sich Wut in Pauschalisierungen verwandelt - bis hin zu einem neuen Antisemitismus, der in Sprache, Herzen und Handlungen einsickert. Dem wollte ich als Muslim nicht die übliche Reflexsprache hinzufügen, sondern ein anderes Wort sprechen: eine Liebeserklärung für das Judentum - gegen die bequeme Logik der Abgrenzung. Meine Grundintuition ist: Die tiefe spirituelle Nähe unserer Traditionen kann Teil der Lösung sein, nicht Teil des Problems.
Die Kippa als Zeichen der Hingabe an Gott
Mein islamischer Glaube wird durch diese Entdeckungen nicht „anders“, aber er wird wacher. Er lernt neu, dass Gottesnähe nicht laut sein muss und Würde in der Zurücknahme liegen kann. Dass das Heilige nicht verfügbar, aber gegenwärtig ist, und dass Liebe Wertschätzung stiftet.
Abraham als gemeinsamer Anfang, der verpflichtet
Gemeinsamkeiten entgiften religiöse Sprache
Diese und andere Gemeinsamkeiten helfen uns praktisch, indem wir uns wieder vom Anderen her sehen lernen: nicht als Gegner im politischen Spiegelkabinett, sondern als Mit-Erben einer Geschichte, die uns verantwortlich füreinander macht. Zwar ersetzen die Gemeinsamkeiten keine politischen Konfliktlösungen, aber sie entgiften die religiöse Sprache. Sie verhindern, dass wir den Glauben als Waffe führen. Und sie eröffnen eine Haltung, in der Kritik möglich bleibt, ohne den anderen zu entmenschlichen: Nähe ohne Vereinnahmung, Solidarität ohne Verklärung, Wahrhaftigkeit ohne Hass.