In der Trauerhalle steht ein schlichtes Kreuz, daneben das Bild einer Verstorbenen. Auf dem Boden liegen einige Blumenblätter. Zusammen mit ihrer Kollegin zündet Franziska Jotzo einige Kerzen an. Die junge Frau trägt einen schlichten schwarzen Anzug, darunter ein weißes Shirt. Es ist die übliche Kleidung bei der Arbeit: Die 16-Jährige wird seit einem halben Jahr im westfälischen Lünen zur Bestattungsfachkraft ausgebildet.
„Es gefällt mir, Angehörigen eines Verstorbenen beizustehen, in einer schwierigen Zeit Zuspruch zu geben und Kraft zu schenken“, erzählt die junge Frau, die im benachbarten Bergkamen wohnt. Deswegen habe sie sich nach einem Schulpraktikum und dem Realschulabschluss entschlossen, diesen Beruf zu ergreifen.
Zahl der Auszubildenden hat sich verdoppelt
Die Beliebtheit des Berufs ist stark gestiegen: Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Bestatter werden derzeit rund 1.000 junge Frauen und Männer zur Bestattungsfachkraft ausgebildet, das sind doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Der Frauenanteil hat sich deutlich erhöht: Inzwischen sind fast 60 Prozent der Auszubildenden weiblich, vor zehn Jahren waren es noch 45 Prozent.
„Der Beruf ist vielseitig, kreativ, abwechslungsreich, sozial und sinnstiftend“, erklärt Stephan Neuser, Generalsekretär des Verbandes, den Boom bei den Bestattern. Das Aufgabenprofil wird immer vielfältiger. Es geht nicht nur darum, Verstorbene zu waschen, anzuziehen oder Bestattungen zu organisieren. „Heute muss oft auch der digitale Nachlass geregelt werden - also die Verwaltung von Online-Konten, sozialen Medien und Daten der Verstorbenen“, erläutert Neuser. Angehörige müssten umfassend in rechtlichen und organisatorischen Fragen beraten werden.
Verstorbene versorgen, Trauernden Trost spenden
Die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft dauert daher drei Jahre, im Betrieb und der Berufsschule. Im Bundesausbildungszentrum der Bestatter im unterfränkischen Münnerstadt lernen die Auszubildenden etwas über Dekoration und Floristik, wie man Verstorbene hygienisch versorgt, Gespräche mit Trauernden führt und Trost spendet, Särge ausschlägt, Beerdigungen vorbereitet und angemessen umsetzt. „Wenn man den Beruf ergreifen will, hilft es, wenn man sozial eingestellt, einfühlsam, kreativ und gut organisiert ist“, betont Neuser.
Franziska Jotzo spricht mit Angehörigen, ist aber auch bei Trauerfeiern gerne dabei. „Bei den Reden erfährt man oft noch mehr, wie der Verstorbene gelebt hat.“ Bei ihrer Berufswahl gab es ein Vorbild in der Familie: „Mein Opa ist auch Bestatter und hat immer viel davon erzählt“, berichtet sie.
Dass der Beruf sie immer wieder mit den Themen Tod und Trauer konfrontiert, hat sie nicht abgeschreckt. Bereits am ersten Tag ihres Schulpraktikums mit 14 Jahren hat sie ein Bestattungsteam begleitet und einen Toten im Pflegeheim gesehen. Heute gefällt ihr sogar die Aufgabe besonders, Verstorbene zu waschen, anzuziehen und vorzubereiten, damit Angehörige im Bett oder im Sarg Abschied nehmen können.
„Krass, dass du das machst“
Ihre Freundinnen und Freunde sind allerdings oft überrascht, wenn sie von ihrer Ausbildung hören: „Eine Freundin hat mich gefragt, ob ich das nicht ekelig finde“, erzählt Franziska Jotzo. Oft höre sie auch den Satz: „Krass, dass du das machst.“ Dann folge oft die Frage, wann sie den ersten Toten gesehen habe. Immer wieder wird sie auch dafür bewundert, dass sie den Job schafft und hinbekommt.
Für einige Kunden ist es offenbar gewöhnungsbedürftig, wenn sie jungen Frauen als Bestatterinnen begegnen. „Manche Angehörigen erwarten in dieser Zeit dann doch oft eher einen älteren Mann“, berichtet Markus Merten, Inhaber des Bestattungshauses Kirchhof-Merten in Lünen, bei dem Franziska lernt. Da wirke vielleicht die alte Tradition nach, dass es früher meist der ältere Schreiner war, der bei Todesfällen den Sarg gebaut habe. Aber heute änderten sich die Zeiten, und viele Angehörige wüssten es inzwischen zu schätzen, wenn sie von Bestatterinnen betreut würden.
Zahl der Sterbefälle nimmt zu
Die Zahl der Sterbefälle in Deutschland ist aufgrund des demografischen Wandels in den vergangenen Jahren gestiegen. Im Jahr 2024 starben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes bundesweit rund eine Million Menschen, zehn Jahre davor waren es noch rund 868.000, 16 Prozent weniger. Die Babyboomer, also die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre, kommen jetzt in die Rente, aber langfristig werden sie auch für eine weitere Zunahme der Sterbefälle sorgen.
Die Zahl der Beschäftigten im Bestattungsgewerbe nimmt daher auch zu: Im Jahr 2023 waren laut Statistischem Bundesamt rund 26.300 Männer und Frauen bei den bundesweit 4.200 Unternehmen im Bestattungshandwerk tätig, das waren 2,5 Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor. Für Franziska Jotzo stehen die Chancen gut, nach ihrer Ausbildung auch einen Arbeitsplatz zu finden.