Wie Musikvereine Demenz-Prävention leisten können
Inklusive Chor "Vergissmeinnicht"
Der Inklusive Chor "Vergissmeinnicht" von der Alzheimer Gesellschaft in Hamburg. Etwa ein Drittel der Sänger und Sängerinnen ist von Demenz betroffen.
Gemeinsames Singen und Musizieren hebt die Stimmung im Pflegeheim
Karlsruhe/Trossingen (epd)

Wenn sie das alte Volkslied hört, reagiert Frau B. sofort. Eben noch in sich versunken, beginnt die demenziell erkrankte Seniorin mitzusingen, erinnert sich an alle Strophen und kennt die Melodie. So beschreibt der Leiter des Instituts für Musik an der Pädagogischen Hochschule (PH) Karlsruhe, Kai Koch, die positive Wirkung von Musik bei Demenz.

«Plötzlich wachen sie auf», schildert der Musikpädagoge dem Evangelischen Pressedienst (epd) den Eindruck, den Pflegende und Angehörige in solchen Momenten haben. Die Beobachtung ist kein Einzelfall. Studien zeigen, dass Musik bei Menschen mit Demenz Erinnerungen aktivieren und sie emotional öffnen kann. «Musik holt die Menschen ins Hier und Jetzt , schafft Identität und Verbundenheit», fasst Koch zusammen.

«Durch Musik wird menschliche Begegnung ermöglicht»

Im Arbeitskreis Musikgeragogik erforscht er seit zwölf Jahren, wie Musik bei Demenz die Lebensqualität und Teilhabe verbessern kann. Gerade das Singen im Chor, so Koch, verbessere die Lebensqualität von Senioren, Angehörigen und Pflegenden. Etwas «zu können» trotz Demenz, fördere die Selbstwahrnehmung.

«Die Krankheit kann in den Hintergrund rücken. Durch Musik wird menschliche Begegnung ermöglicht», beobachtet Franziska Heidemann. Sie begleitet an der PH Karlsruhe das bundesweite Förderprojekt «Länger fit mit Musik» wissenschaftlich, bei dem Amateurchöre gemeinsam mit Senioren singen.

«Es geht um mehr als nur Musikmachen»

«Länger fit mit Musik» ist eine Initiative des Bundesmusikverbandes Chor & Orchester (BMCO) mit Geschäftsstellen in Trossingen (Baden-Württemberg) und Berlin im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie des Bundesgesundheitsministeriums. Ziel ist es, demenzsensibles Musizieren in und mit Chören oder Instrumentalensembles der Amateurmusikszene zu fördern. Das auf vier Jahre angelegte Projekt unterstützt im Rahmen der Nationalen Demenzstrategie der Bundesregierung 43 Projekte in 15 Bundesländern durch Weiterbildungen im Umgang mit Demenz, Vorträge, Podcasts und Videos.

Die Sensibilisierung für den Umgang mit Demenz sei in der Amateurmusik neu und ein «Nischenthema», sagt Theresa Demandt, Geschäftsführerin des BMCO. Der Dachverband vertritt nach eigenen Angaben mehr als 100.000 Ensembles in Deutschland. «Es geht um mehr als nur Musikmachen», beschreibt Demandt die Erfahrungen mit «Länger fit mit Musik».

Erlebnis statt Opernhausqualität

Nicht das Lesen von Noten stehe im Vordergrund, sondern «die Aktivierung dessen, was in den Menschen steckt». Im Fokus stehe weniger Opernhausqualität als vielmehr das gemeinsame Erlebnis. Die positive Wirkung von Musik spüren alle: Senioren mit Demenz, Pflegende und Angehörige. Studien bestätigen diese positiven Effekte.

Es handele sich um einen «Aktivierungstrick» des Gehirns, sagt Lutz Jäncke. «Das Lustzentrum wird aktiviert», erläutert der Neuropsychologe an der Universität Zürich (Schweiz) und Autor des Buches «Von Synapsen und Symphonien», was Musik im Gehirn bewirkt: «Melodien sind mit Gedächtnisinhalten gekoppelt. Beim Hören von Musik kann eine Erfahrung ausgelöst und damit Gedächtnisinhalte hervorgeholt werden.»

Nach Schlaganfall kann Musik unterstützen

Dadurch verbessere sich die Stimmung. Unruhe und Agitation würden reduziert, die Motivation erhöht. «Beispielsweise geht man dann gerne zum Tanztee», so der Fachmann und ergänzt: «Musik hat die Kraft, kontaktlos in Stimmungen zu versetzen.»

«Sie vermag einen Zustand auszulösen, der vom kontrollierten Denken befreit und eine spirituelle Erfahrung ermöglicht», erklärt Jäncke. Weltweit werde Musik genutzt, um Menschen zu synchronisieren oder in Trance zu versetzen. Auch in der Rehabilitation nach einem Schlaganfall oder bei Epilepsie spiele Musik mittlerweile eine unterstützende Rolle.

Musik kann Demenz hinauszögern

Das Potenzial von Musik in der Prävention von Demenz wird gerade erst richtig entdeckt. «Das Besondere an Musik bei Demenz ist: Die Musikverarbeitung im Gehirn bleibt lange erhalten», erklärt Koch. Wenn Musik Freude macht, begleitet sie den Menschen ein Leben lang.

Musik kann Demenz zwar nicht verhindern. Rechtzeitig eingesetzt, könne sie die bisher nicht heilbare Krankheit jedoch hinauszögern, schreibt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft auf ihrer Homepage. Sie spricht vom «Königsweg zu Menschen mit Demenz»; gemeinsames Musizieren sei eine «emotionale Brücke», heißt es.

Auch Musizierende in Vereinen und Chören öffnen sich mit diesem Wissen neue Türen. «Wir haben gelernt, dass Amateurmusik unbewusst und unsichtbar mehr bewirkt, als sie selbst weiß», hebt Demandt hervor. 

Von Susanne Lohse (epd)