Das Baulager im Nordflügel hat sich geleert. Einige grau lackierte Türen lehnen in ihren hölzernen Gestellen. Ein Dutzend Dielenbretter stapeln sich unter den Fenstern. Ein paar alte Fensterrahmen lehnen noch an der Wand. Gut einen Monat vor der Teileröffnung ist der Großteil der vor Jahren gesicherten Originalausstattung des Weimarer Residenzschlosses aufgearbeitet und an ihren angestammten Platz zurückgekehrt. In nahezu allen künftig öffentlich zugänglichen Räumen des Ostflügels wird gestrichen, montiert und aufgebaut. Vieles - wie der Kassenbereich - ist bereits an Ort und Stelle und wird unter Malervlies vor Staub geschützt. Zum Schutz der wertvollen Böden wird über Stege aus Pressspanplatten gelaufen.
„Derzeit arbeiten 50 Gewerke hier“, sagt Projektleiterin Anne Tunkel. Sie steht in der langen Galerie des Erdgeschosses. Die sogenannte Passage ist ein imposanter Raum, den es so zuvor im Schloss nicht gab. Zwischendecken und Mauern seien dafür herausgebrochen worden. Zu Zeiten der Weimarer Herzöge und Großherzöge seien hier in zahlreichen Kammern und Zimmern Gegenstände des täglichen Schlossbedarfs gelagert worden. Nun bildet der kreuzrippengewölbte Gang über zwei Stockwerke das zentrale Entree des Museums.
Eine Galerie, die es so zuvor nicht gab
Gegenwärtig passiert noch sehr viel auf der Baustelle. „Aber die Hauptarbeiten sind inzwischen abgeschlossen und wir arbeiten mit Hochdruck auf die Eröffnung am ersten Oktoberwochenende hin.“ Tunkel ist seit vier Jahren für die Gesamtmaßnahme und die 2018 begonnene Sanierung des Ostflügels verantwortlich. Lange habe die Baustelle hinter jedem Zeitplan gelegen. Corona und massiver Schwammbefall an der gesamten Wandseite zum Schlosshof hätten alle Zeitpläne zunichtegemacht.
Die Gründe für die Bauschäden reichen weit zurück. Nach dem verheerenden Schlossbrand von 1774 hatte das Weimarer Residenzschloss jahrelang in Trümmern gelegen. „Die Außenmauern aus Stein blieben stehen. Das Schloss ist von innen ausgebrannt“, sagt Sebastian Dohe, Abteilungsleiter Residenzschloss der Stiftung. So sei es Wind und Wetter ausgesetzt gewesen. Erst 1789 rief Herzog Carl August (1757-1828) eine Baukommission unter der Leitung Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) ins Leben. Nach Plänen von Heinrich Gentz (1766-1811) entstand ab 1796 ein repräsentativer klassizistischer Neubau. Hinter den durchfeuchteten Außenmauern ließ der Architekt jedoch eine Innenkonstruktion aus Fachwerk errichten. So fand der Hausschwamm im Schloss beste Bedingungen vor. Entdeckt wurden die Schäden in diesem massiven Umfang allerdings erst mehr als 200 Jahre später.
Ein Treppenhaus als Inszenierung
Die Schäden sind behoben. Der Festsaal, die herzoglichen Repräsentationsräume im ersten Stock und vor allem das Gentzsche Treppenhaus erstrahlen in altem Glanz. Erbaut zwischen 1789 und 1804, gilt es als Hauptwerk des deutschen Frühklassizismus. Erstmals können Gäste den bewusst inszenierten Aufstieg im Rahmen eines Museumsbesuchs erleben. Vom dunkel gehaltenen Erdgeschoss gelangen die Besucher in das lichtdurchflutete Obergeschoss. Eine strahlende Deckenkuppel in Goldtönen fungiert als Sonnensymbol und flutet den Raum mit farbigem Tageslicht. „Früher konnten unsere Gäste nur von oben einen kurzen Blick in das Treppenhaus werfen“, sagt Tunkel. „Künftig ist das der zentrale Zugang zum Museumsgeschoss.“
Vom Treppenhaus führt der Weg in den ebenfalls kernsanierten Festsaal. Bis zu den Fenstersimsen habe der Schwamm in der Fachwerkkonstruktion im Marmorimitat gesteckt, sagt Tunkel. Hier werde am 2. Oktober die Teilöffnung des Schlosses gefeiert. Erst im Frühjahr kommenden Jahres öffne dann auch der Sonderausstellungsbereich im zweiten Obergeschoss.
Bis voraussichtlich 2032 folgt dann die Sanierung der anderen drei Flügel. Insgesamt stehen für das Schloss 140 Millionen Euro zur Verfügung. Für Projektleiterin Tunkel ist es gewissermaßen die Baustelle ihres Lebens. „Denn wann wird in Deutschland schon einmal ein gesamtes Residenzschloss komplett saniert?“