Die Leipziger Verlegerin Nora Pester betont die Notwendigkeit, aktuelles jüdisches Leben sichtbar zu machen. „Bei allem großen und liebenswerten Engagement für eine Erinnerungskultur gehen die aktuellen Wünsche, Erwartungen, Hoffnungen, Forderungen und Ängste von Jüdinnen und Juden manchmal etwas unter“, sagte Pester dem Evangelischen Pressedienst (epd). Angesichts des Antisemitismus in der Gesellschaft brauche die Sichtbarkeit allerdings auch immer Sicherheit und Schutz für Jüdinnen und Juden. Dies sei eine Herausforderung.
Pester ist Eigentümerin des Verlags Hentrich & Hentrich und Sprecherin des „Jahres der jüdischen Kultur in Sachsen 2026“. Zum Themenjahr unter dem Motto „Tacheles“, das noch bis zum 12. Dezember stattfindet, zog sie eine erste positive Bilanz. „Die enorm hohe Beteiligung sachsenweit hat die Breitenwirkung erzielt“, sagte sie. Das Konzept sei aufgegangen.
Kein Festival der Hochkultur
„Wir wollten kein Festival der Hochkultur in großen Städten veranstalten, sondern viele Orte ansprechen und motivieren mitzumachen“, sagte Pester. Bisher habe es mehr als 1.000 Veranstaltungen in 54 Städten und Gemeinden gegeben. Bis zum Abschluss von „Tacheles“ werden es voraussichtlich rund 1.500 Angebote sein.
„Eigentlich konnte niemand sagen, bei mir hat das Themenjahr nicht stattgefunden“, sagte Pester. Die jüdische Kultur sei direkt vor der Haustür, im Heimatort zu erleben gewesen. Die Mehrheit der Angebote wurde mit Eigenmitteln und im Ehrenamt gestemmt. Rund 150 Vorhaben wurden vom Land Sachsen mit insgesamt rund 1,43 Millionen Euro unterstützt.
Jüdische Perspektiven
Vor allem unterstrich Pester die Gesprächsangebote: „Die gesamte Gesellschaft braucht mehr denn je eine Streitkultur auf Augenhöhe, ohne sich anzufeinden.“ Das respektvolle Streitgespräch müsse dauerhaft einen Platz in der Gesellschaft finden. Sie hoffe, dass aktuelle jüdische Perspektiven künftig stärker in Debatten eingezogen werden.
Das Themenjahr war aus langjährigen Diskussionen um ein jüdisches Museum in Sachsen hervorgegangen. Pester sagte dem epd: „Die Frage nach einem jüdischen Museum in Sachsen ist weiterhin vollkommen offen.“ Der Freistaat Sachsen bekennt sich zwar zu jüdischer Geschichte und Gegenwart. Eine neue Kulturinstitution sei allerdings „angesichts der schwierigen Haushaltslage derzeit kaum zu erwarten“.