Am Montag beginnt das große Ausräumen im Goethehaus. Tausende Sammlungsstücke müssen vor der Sanierung ins Depot gebracht werden, erklärt die Leiterin Museen der Klassik Stiftung Weimar, Annette Ludwig. Dabei soll Goethes historische Ordnung im Haus auch nach der Wiedereröffnung in drei Jahren nachvollziehbar bleiben.
epd: Das Goethehaus in Weimar schließt. Bis 2029 soll das historische Wohnhaus denkmalgerecht saniert und museal neu konzipiert werden. Was bedeutet das für Räume, Sammlungen und Besucher?
Ludwig: Zunächst wird das für den Besucherverkehr geschlossene Haus für die umfangreichen Bau- und Restaurierungsarbeiten vorbereitet. Die bewegliche Ausstattung, also das gesamte Kunstgut, wird beräumt, verpackt, gesichert und aus den betroffenen Räumen genommen. Nach der Baustelleneinrichtung folgen die baulichen Maßnahmen. Hier geht es um Arbeiten im Garten sowie in und an den beiden Pavillons, an den Fassaden, am Dach und im Innenbereich. Der eigentliche Baubeginn ist für Februar 2027 vorgesehen.
Tausende Sammlungsstücke müssen ins Depot
epd: Wie viele Stücke müssen dafür ausgeräumt werden?
Ludwig: Es sind noch rund 2.500 Objekte im Haus. Allein der Steinpavillon birgt etwa 18.000 Objekte, um ein paar Zahlen zu nennen. Er ist bereits in einer logistischen Großaktion beräumt worden. Goethe war Schriftsteller, Politiker und Forscher. Er hat sein Haus wie ein großes Labor genutzt. Überall standen Sammlungsschränke mit Objekten, die ihm zum Erkenntnisgewinn dienten.
epd: Und das schaffen sie alles ins Depot.
Ludwig: Wir bringen die Stücke nicht einfach ins Depot. Bei Goethe hatte die meisten Objekte ihren festen Platz, bis hin zur Ordnung in den Schubladen. Das müssen wir akribisch dokumentieren, damit sich die historische Ordnung 2029 wieder nachvollziehen lässt.
Viele Sammlungsstücke werden bis 2029 restauriert
epd: Nutzen Sie die Zeit auch für Restaurierungen?
Ludwig: Ja, unbedingt. Die Sanierung ist eine große Chance, historische Möbel, Kunstwerke und Sammlungen genauer zu untersuchen und zu restaurieren. Viele Stücke sind durch Alter und Gebrauch beschädigt. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse helfen uns zudem, frühere Veränderungen am Haus und seiner Ausstattung besser zu verstehen.
epd: Wie wird sich das Goethehaus nach der Sanierung für Besucher verändern?
Ludwig: Das Haus wird seinen historischen Charakter und seine Authentizität behalten, aber künftig noch mehr Einblicke ermöglichen. Die Räume werden behutsam näher an Goethes Wohn- und Arbeitssituation herangeführt. Wie werden mehr Sammlungsobjekte zeigen als bisher. Zugleich wird die Präsentation überarbeitet.
Orientierung an der Goethezeit
epd: Werden dann auch zusätzlichen Räume zugänglich?
Ludwig: Es wird Etliches geöffnet und gezeigt, was bislang für die Öffentlichkeit nicht zugänglich war. Das betrifft etwa das Mansardgeschoss mit Augusts Salon, der zu einem Hörraum für Goethes Literatur werden wird, und den Gartenpavillon. Insgesamt wird künftig mehr von Goethes Lebenswelt, seinen verschiedenen Rollen und seinen Sammlungen zu sehen sein.
epd: Auf welches Jahr wird das Haus zurückgeführt? Soll alles wieder wie zu Goethes Zeiten aussehen?
Ludwig: Wir orientieren uns an den neuesten Forschungserkenntnissen und wollen möglichst nah an die Goethezeit. Dabei geht es nicht darum, das Haus auf ein einziges Jahr festzulegen oder eine vermeintlich perfekte Vergangenheit zu rekonstruieren.
Spätere Veränderungen sollen nachvollziehbar bleiben
epd: Was ist stattdessen das Ziel?
Ludwig: Wir wollen spätere Veränderungen nachvollziehbar und kenntlich machen. Auch die Farben und Oberflächen einzelner Räume und Sammlungsschränke sollen wieder näher an die Goethezeit herangeführt werden. Übrigens: Die Dauerausstellung ist vom Umbau nicht betroffen, das Goethe-Nationalmuseum bleibt geöffnet.
epd: Wie gehen sie mit späteren Veränderungen wie etwa den historisch nicht korrekten Urbino-Räumen und dem Vulpius-Fenster um, von dem es fälschlicherweise heißt, Goethes Frau Christiane habe von dort aus den Haushalt beaufsichtigt?
Ludwig: Das Haus soll seine gewachsene Geschichte nicht verlieren. Auch spätere Veränderungen und die damit verbundenen Geschichten gehören dazu. Wir wollen aber genauer vermitteln, was historisch belegt ist und was sich im Laufe der Zeit zur Legende entwickelt hat. Gerade bei Christiane Vulpius ist es wichtig, ihr Leben und ihre Aufgaben im großen Haushalt differenzierter darzustellen.