Das Akkordeon kann die Klangfülle eines ganzen Orchesters entfalten, aber auch sanft und leise zum Träumen einladen. Weltweit prägt es Traditionen - vom argentinischen Tango bis zur französischen Musette. 2026 trägt das Klangwunder den Titel „Instrument des Jahres“, der von den deutschen Musikräten vergeben wird, in denen sich zahlreiche Organisationen von Profi- und Laien-Musikern, der Musikwirtschaft und -forschung zusammengeschlossen haben.
Früher als Quetschkommode und wegen seiner klavierähnlichen Tastatur auch als Schifferklavier bekannt, hat das Akkordeon längst sein Nischendasein verlassen. Der Dresdner Akkordeonist und Komponist Tobias Morgenstern sagt: „Es besitzt eine enorme Ausdruckstiefe.“
Emotion, Rhythmus und Harmonie
Das Akkordeon könne Emotion, Rhythmus und Harmonie in einem einzigen Instrument vereinen. Weil es Töne durch Luftbewegung erzeuge, wirke der Klang lebendig und organisch. Vom Jahr 2026 erhofft sich Morgenstern „mehr Wahrnehmung, neue spielerische und künstlerische Impulse“ für das Akkordeon.
„Ich glaube, kaum ein anderes Instrument erlaubt so unmittelbare Kontrolle über Lautstärke und Klangfarbe“, sagt der Musiker, der in Sachsen Schirmherr für das „Instrument des Jahres 2026“ ist. Je nach Registerwahl reiche der Klang von weich und warm über nasal bis brillant oder rau. Stilistisch komme das Akkordeon sowohl bei der Interpretation von Volksmusik und Barockmusik zum Einsatz als auch beim Tango und Chanson, im Jazz und in der zeitgenössischen Musik.
Profi-Akkordeons wiegen 15 Kilogramm
Das Akkordeon ist zwar kein klassisches Orchesterinstrument, aber dennoch längst auf den professionellen Konzertbühnen zu Hause. Dafür sorgt auch das sächsische Duo Leuschner. Die beiden Brüder und Akkordeonisten, Danny und Toni Leuschner, traten schon in ihrer Musikschulzeit im Erzgebirge gemeinsam auf.
Toni Leuschner betont: „Das Instrument ist extrem wandlungsfähig.“ Wie bei der menschlichen Stimme müsse der Ton komplett selbst gestaltet werden. Mit seinen vielfältigen Klangfarben mische sich das Akkordeon perfekt mit nahezu jedem anderen Instrument.
Im Gegensatz zum Einsteigerinstrument mit einem Gewicht von etwa fünf Kilogramm wiegen die Akkordeons der Profis rund 15 Kilogramm. Danny Leuschner sagt, Grund dafür sei eine erweiterte Technik. Diese führe auch zu einem deutlich größeren Tonumfang des Instruments. Die Klänge werden mithilfe frei schwingender Metallzungen erzeugt. Den dafür notwendigen Luftstrom erzeugt der Balg in der Mitte, der auf- und zugezogen wird. Durch das Drücken von Tasten und Knöpfen werden außerdem Ventile geöffnet.
Vor rund 200 Jahren erfunden
Seit seiner Erfindung zu Beginn des 19. Jahrhunderts begeistert das Akkordeon als ein „tragbares Orchester“. Danny Leuschner sagt: „Wir haben es also mit einem relativ jungen Instrument im klassischen Bereich zu tun, das sich dank seiner Vielseitigkeit und Tragbarkeit rasend schnell verbreitet hat.“ Weltweit zog es in die populären Musikkulturen ein. In den 1930er und 1940er Jahren sei es auch in den Salonorchestern benutzt worden. Manche Komponisten hätten das Akkordeon zudem in klassischen Orchestern eingesetzt, zum Beispiel Dmitri Schostakowitsch (1906-1975).
Das Handzuginstrument wird aus etwa 3.500 Einzelteilen gefertigt. „Wie bei einer Orgel lassen sich mit Registern viele verschiedene Klangfarben erzeugen“, erklärt Andreas Schertel, Meister für Akkordeonbau aus dem sächsischen Klingenthal. Je nach Spieltechnik könne ein- und dasselbe Register auch ganz unterschiedlich klingen. „Wenn die Orgel die Königin der Instrumente ist, dann ist das Akkordeon die Prinzessin“, sagt er.
Für den Luftbalg werde eine spezielle Pappe benutzt, die Stabilität bietet und schnell auf- und zusammengeschoben werden kann. Es werde auch an leichteren Papieren geforscht, die aber ebenso stabil seien, erzählt Schertel. Zudem könne mit Materialien wie Carbon oder aufgeschäumtem Plastik das Gewicht des Gehäuses reduziert werden.
Vom Alltagsinstrument zum charakterstarken Klangträger
Laut Morgenstern hat sich die Popularität des Akkordeons in den vergangenen Jahren verlagert - weg vom Alltagsinstrument hin zu einem geschätzten, charakterstarken Klangträger mit wachsender Bedeutung. Der Musiker vermutet: „Heute spielen weniger Menschen Akkordeon als früher, doch diejenigen, die es tun, oft auf hohem künstlerischem Niveau und mit bewusster ästhetischer Haltung.“
Trotz seiner stilistischen Vielseitigkeit trete das Instrument in Deutschland „noch viel zu wenig im öffentlichen Konzertleben auf den etablierten Bühnen in Erscheinung“, bedauert Morgenstern. Auch Danny Leuschner wünscht sich, dass das Akkordeon bundesweit auf professionellen Konzertpodien noch präsenter wird - wie es in Frankreich oder Skandinavien heute schon ist.