Feste und Festivals zu Ehren von Johann Sebastian Bach (1685-1750) unterschieden sich in Ost- und Westdeutschland weit stärker, als lange angenommen wurde. Der Direktor des Eisenacher Bachhauses, Jörg Hansen, sieht im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) in der DDR-Bachpflege weniger kulturelle Offenheit als vielmehr einen politischen Führungsanspruch. Die Folgen wirkten bis weit nach der Wiedervereinigung nach.
epd: Das diesjährige Bachfest Leipzig vom 11. bis 21. Juni ist das offiziell 100. Bachfest, das bis 1999 von der Neuen Bachgesellschaft durchgeführt wurde. Sie haben sich im Zuge dieses Jahrestags und der damit verbundenen Eisenacher Sonderausstellung „Phänomen Bach“ intensiv mit der Geschichte dieser Feste beschäftigt. Was hat Sie am meisten überrascht?
Hansen: Die schiere Zahl. Ich hatte angenommen, es gebe einige große und daneben ein paar kleinere Bachfeste. Tatsächlich habe ich inzwischen 82 meist jährliche Bachfeste weltweit gezählt. Ich habe wohl noch immer nur die Spitze des Eisbergs erfasst. Da wurde mir klar, dass die Geschichte der Bachfeste längst nicht mehr nur die Geschichte der Neuen Bachgesellschaft ist. Es handelt sich um ein eigenständiges kulturelles Phänomen von erstaunlicher Größe.
Unterschiede bei Bachfesten in Ost- und Westdeutschland
epd: Ihr besonderes Interesse galt den Bachfesten in Ost- und Westdeutschland. Was haben Sie dort entdeckt?
Hansen: Als Westdeutscher habe ich die DDR-Geschichte deutlich harmloser erwartet. Erst bei der Recherche wurde mir klar, wie stark die Bachfeste politisch geprägt waren. Die gesamte Kultur hatte einem politischen Zweck zu dienen, und dieser Zweck hieß Sozialismus. Das galt auch für die Bachpflege.
epd: Inwiefern?
Hansen: Besonders auffällig fand ich den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Neue Bachgesellschaft hatte ursprünglich die Idee eines wandernden Bachfestes entwickelt. Bach sollte in die Regionen getragen werden. In der DDR fanden die großen Bachfeste dagegen überwiegend in Leipzig statt. Natürlich ist Leipzig eine Bachstadt. Aber wenn man Bach wirklich im Volk verankern wollte, warum gab es dann so wenige Bachfeste in kleineren Städten? Stattdessen setzte man auf internationale Prestigeveranstaltungen. Da hat sich die Bachgesellschaft aus meiner Sicht erheblich verbogen.
Kirchen konnten in der DDR nur sehr eingeschränkt mitwirken
epd: Die Bachfeste waren also politisch?
Hansen: Ja. Das habe ich selbst erst im Laufe der Arbeit begriffen. Die Kulturpolitik der DDR war natürlich grundsätzlich politisch. Aber selbst Bach musste für den Sozialismus nutzbar gemacht werden. Kirchen konnten deshalb nur sehr eingeschränkt mitwirken. Die Vorstellung, dass kirchliche Musik dem Sozialismus dienen könnte, war praktisch ausgeschlossen.
epd: Wie wurde Bach ideologisch vereinnahmt?
Hansen: Teilweise mit erstaunlichen Verrenkungen. Bach wurde als eine Art Rebell gegen Kirche und Obrigkeit dargestellt. Dafür gibt es biografisch allerdings kaum Anhaltspunkte. Das Bild, das aus den Quellen spricht, ist eher das eines Komponisten, der bessere Arbeitsbedingungen fordert, auf Anerkennung hofft und sich innerhalb der bestehenden Ordnung bewegt. Wenn man manche kulturpolitischen Texte liest, gewinnt man sogar den Eindruck, dass den Autoren selbst bewusst war, wie schwach diese Argumentation war. Aber Bach musste in das marxistische Weltbild passen. Was nicht passte, wurde passend gemacht. Die historische Plausibilität spielte dabei oft eine untergeordnete Rolle.
Musiker mit falschen Bärten
epd: Gab es Gegenmodelle innerhalb der DDR?
Hansen: Viele Bachwochen, Konzertreihen und Bachtage wurden von Kirchen, Kantoren und Chören getragen. Das eindrucksvollste Beispiel ist die Greifswalder Bachwoche, die auch in der DDR ununterbrochen bestand. Das zeigt, dass manches möglich war - allerdings unter erheblichen Schwierigkeiten. Es gibt Berichte von staatlich angestellten Musikern, die mit falschen Bärten auftraten, um ihre Mitwirkung auf kirchlichen Festen zu verschleiern. Die Staatssicherheit dürfte gewusst haben, wer da auf der Bühne stand. Aber solche Auftritte waren nicht gern gesehen und sollten möglichst unauffällig bleiben.
epd: Worin unterschieden sich die Bachfeste in Ost und West grundsätzlich?
Hansen: Im Westen waren die Strukturen deutlich pluraler. Städte, Kirchengemeinden, Vereine und Kulturschaffende arbeiteten zusammen. Die Neue Bachgesellschaft gab einen Rahmen vor, aber keinen staatspolitischen Auftrag. Ganz unpolitisch war aber auch der Westen nicht. Das Bachfest 1950 in Göttingen war durchaus ein Signal der jungen Bundesrepublik: Bach gehört auch zu uns. Insgesamt wurden hier die politischen Ansprüche aber eher zurückgenommen. In der DDR dagegen blieb der Anspruch bestehen, Bach kulturpolitisch für sich zu reklamieren.
Bach war kein mitteldeutsches Phänomen.
epd: Hat die DDR Bach erfolgreicher für sich beansprucht als die Bundesrepublik?
Hansen: Sie hat es zumindest versucht. Seit den 1950er Jahren entwickelte die DDR einen sehr selbstbewusst vorgetragenen kulturellen Alleinvertretungsanspruch. Je länger ich die Quellen las, desto skeptischer wurde ich. Dieser pompös vorgetragene Alleinvertretungsanspruch befremdet mich. Er ist historisch kaum haltbar. Bach war kein ausschließlich mitteldeutsches Phänomen. Er lernte in Lüneburg, orientierte sich an Hamburger Musiktraditionen und stand in einem europäischen Netzwerk von Einflüssen. Die Vorstellung, Bach gehöre kulturell einem Teil Deutschlands, hält historisch nicht stand.
epd: Gab es auch musikalische Unterschiede in Ost und West?
Hansen: Ja. Im Westen löste die historische Aufführungspraxis eine Revolution des Bach-Verständnisses aus. Musiker erlernten historische Instrumente und studierten Quellen. In der DDR galt dieser Aufwand lange als unnötig, teils sogar als ideologische Diversion. Während im Westen neue künstlerische Wege erprobt wurden, fragte man im Osten zunächst, ob sie in die kulturpolitischen Vorgaben passten - und blieb musikalisch beim bestehenden.
Die musikalischen Welten wuchsen nicht sofort zusammen
epd: Haben die Unterschiede die Wiedervereinigung überdauert?
Hansen: Erstaunlicherweise ja. Die Mauer fiel 1989, aber die musikalischen Welten wuchsen nicht sofort zusammen. Die Programme zeigen, dass viele Ensembles noch bis etwa zum Bachjahr 2000 überwiegend in ihren jeweiligen Regionen auftraten. Erst dann entstand wirklich ein gemeinsamer musikalischer Raum. Das zeigt, dass kulturelle Vereinigung länger dauert als politische.
epd: Gibt es heute noch einen Unterschied?
Hansen: Im Konzertbetrieb kaum noch. Heute entscheidet vor allem das Programm. Ob ein Ensemble aus Dresden oder Aachen kommt, spielt heute keine Rolle mehr.