Die Hüterin der sensiblen Schätze
Magdeburg (epd).

Der einstimmige Beschluss der Kirchenleitung 1999 zur Gründung der Stiftung „Kunst und Kulturgut“ in der Kirchenprovinz Sachsen war vielleicht der größte Erfolg im Berufsleben von Bettina Seyderhelm. „Einstimmig! Das war ein Vertrauensbeweis“, erinnert sich die Kunstreferentin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) mit ein wenig Stolz. Was mit einem Stiftungskapital von einer Million Mark vergleichsweise bescheiden begann, wurde binnen weniger Jahre auf 7,7 Millionen Euro aufgestockt. Dank der Stiftung und vieler Förderer konnte in den vergangenen Jahren dutzendfach gefährdete Kirchenkunst gerettet werden: Kanzeln, Kruzifixe, Taufengel, Heiligenfiguren, Orgelprospekte, sogar Altäre und Wandmalereien.

Ihr Gründungswerk wird weiter Früchte tragen, auch wenn Bettina Seyderhelm Ende Mai nach 32 Jahren das Büro am Magdeburger Dom hinter sich lässt und den Ruhestand antritt. Die meisten „ihrer“ Kirchen hat sie persönlich besucht. Manche nicht nur einmal. Egal, ob eher unscheinbare Feldsteinkirchen oder große Dome, ob reich ausgestattete Kathedralen mit Werken bekannter Künstler oder Dorfkirchen mit wenig Schmuck: Die Gemeinden und ihre Kulturgüter liegen ihr noch immer am Herzen - auch über ihr Dienstende hinaus.

Wissen wurde weiter gegeben

Viel Lob für Bettina Seyderhelm kommt auch aus dem Baureferat der EKM im Erfurter Landeskirchenamt. Ihre Chefin, Referatsleiterin Elke Bergt, bescheinigt ihr „viel Herzblut und unermüdliches Engagement“. Sie setzte sich „für den Erhalt des umfangreichen und wertvollen Kunstguts in unseren Kirchen ein, organisierte Ausstellungen, Symposien und Wettbewerbe“. Diese „Ära geht nun zu Ende“, konstatiert Elke Bergt. Doch ganz uneitel habe Bettine Seyderhelm „viel von ihrem Wissen, ihrer Freude und auch Leidenschaft in Sachen Kunst- und Kulturgut in den vergangenen Wochen an ihre Nachfolgerin Christiane Heinevetter weitergegeben“. Ihr wird sie auch die Verantwortung für tausende Kirchen im Norden der EKM übergeben.

Eine reiche Kulturlandschaft

„Wir haben hier eine unglaublich reiche Kulturlandschaft“, sagt Seyderhelm. Sachsen-Anhalt, Thüringen und Gebiete in Sachsen und Brandenburg waren ihr Einsatzgebiet. Ihr sei es auch immer darum gegangen, den Gemeinden zu zeigen, welche Schätze in ihren Kirchen schlummern - und zugleich die Öffentlichkeit einzuladen, diese reiche Kunstgeschichte zu entdecken. So entstand 2001/2002 eine viel beachtete Schau der Goldschmiedekunst in der EKM, die 2004 sogar in Tokio vor zehntausenden Ausstellungsbesuchern präsentiert wurde. 2006 folgte die Ausstellung „1000 Jahre Taufen“, für die etliche historische Taufengel zunächst restauriert wurden. Mittlerweile seien 270 Taufengel in mitteldeutschen Kirchen wiederentdeckt worden, oft nach einem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf in verstaubten Ecken.

Auch das Cranach-Projekt 2015 in Wittenberg hat Bettina Seyderhelm vorangetrieben: So wurde das Reformationsjubiläum 2017 über Mitteldeutschland hinaus erst zum Publikumsmagneten. „Der Sinn war ja, dass wir auf die Bedeutung des predigenden Inventars aufmerksam machen“, ergänzt sie.

Schnelle Hilfe dank Notfallverbünden

Doch was ist, wenn künftig durch Hochwasser oder Stürme das kostbare Inventar der Gotteshäuser bedroht ist? Wer hat den Überblick, und wer entscheidet, was zu tun ist? Um hier im Fall der Fälle schnelle Hilfe zu ermöglichen, hat die Kunstbeauftragte mit ihren Kollegen seit Jahren die Gründung von Notfallverbünden von Kirchen, Kommunen und Landkreisen angeschoben. Um den Überblick zu haben, wurden die Inventarverzeichnisse der Kirchengebäude aktualisiert.

Der Erhalt der Kirchen und ihrer Kulturgüter ist in Mitteldeutschland besonders herausfordernd: So zählen rund 3.950 Kirchen und Kapellen zum Bestand der EKM. Laut Seyderhelm sind das nahezu 20 Prozent aller evangelischen Gotteshäuser bundesweit. „Demgegenüber gehören nur etwa drei Prozent der Kirchenmitglieder der gesamten EKD zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland“, erläutert die Kunsthistorikerin. Da die EKM zugleich eines der geringsten Kirchensteueraufkommen verzeichnet, stellt der Erhalt aller Kirchen und Kapellen die Landeskirche künftig vor erhebliche Herausforderungen. Aufgaben genug für ihre Nachfolgerin.

Von Thomas Nawrath (epd)