Es brummt in der Burchardikirche im sachsen-anhaltischen Halberstadt. Sieben Orgeltöne erklingen gleichzeitig, bald werden es acht Töne sein. Schon fast 1.000 Jahre Vergangenheit hat die Kirche hinter sich - und noch mindestens mehr als 600 Jahre Zukunft vor sich, wenn es nach der John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt geht. Bis zum 4. September 2640 soll hier John Cages (1912-1992) Orgelstück „Organ2/ASLSP“ aufgeführt werden. „ASLSP“ steht für „As SLow aS Possible“ und ist Programm: so langsam wie möglich.
Gerade einmal vier Prozent der gesamten Spieldauer wurden bisher realisiert. Das Projekt läuft seit 25 Jahren, seit dem 5. September 2001. Am Anfang stand gemäß der Partitur gar kein Ton - sondern eine Pause. Nun kommt wieder eine Veränderung: Am Mittwoch (5. August) wechselt der Klang zum 17. Mal seit Projektstart - ein Großereignis für Freunde der Neuen Musik und Cage-Fans im In- und Ausland.
Protagonist Neuer Musik
John Cage zählt zu den einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Geboren am 5. September 1912 in Los Angeles in den USA, studierte er in seiner Heimatstadt für zwei Jahre Komposition bei Arnold Schönberg (1874-1951). Seine Interessen aber waren weitgefächert: Neben Musik gehörten dazu auch Poesie, Bildende Kunst, Architektur und Philosophie.
Harmonien interessierten ihn nicht. Seine frühen Klavierstücke befreiten sich vielmehr allmählich von allen Regeln des Komponierens. Es gab keine Tonarten, aber auch keine Zwölftontechnik. Stattdessen spielte er mit Stille, mit Geräuschen, mit dem Zufall. Sein wichtiges Werk „Europeras 1 & 2“ wurde 1987 in Frankfurt am Main uraufgeführt. Darin ließ er Orchesterpassagen, Arienfragmente und Bühnenaktionen aus europäischen Opern von Mozart bis Puccini nach dem Zufallsprinzip aufeinanderstoßen. Es entstand ein anarchistisches Gesamtkunstwerk. In „4'33“ wiederum setzt sich der Pianist für vier Minuten und 33 Sekunden an den Flügel, ohne etwas zu spielen. Cage starb am 12. August 1992 in New York.
Jahrtausendwende als Spiegelachse
Die geplante Spieldauer des Orgelstücks „As SLow aS Possible“ beträgt genau 639 Jahre. Das erklärt sich so: Im Halberstädter Dom gab es Mitte des 14. Jahrhunderts die wahrscheinlich erste Großorgel mit einer zwölftönigen Klaviatur. Die Fertigstellung des Instruments im Jahre 1361 gab die Orientierung für die Dauer der Aufführung: Mit der Jahrtausendwende als Spiegelachse wurde diese auf 639 Jahre festgelegt.
Am 5. August nun wird den hörbaren Tönen zunächst ein „a“ hinzugefügt. Das passiert, indem eine „a'“-Pfeife in die Projektorgel gesteckt wird. Aus dem bisherigen Sieben- wird dann ein Acht-Ton-Klang. Dass acht Töne gleichzeitig zu hören sind, ist relativ selten: Dies passiert nochmals für vier Monate im Jahr 2028, danach erst wieder im Jahr 2046. Und auch jetzt wird es nicht lange andauern: Schon in 14 Monaten wird dafür das „e“ verstummen, sodass sich der Klang wieder auf sieben Töne reduziert. Das jetzt hinzugefügte „a“ wiederum wird bis zum Jahr 2030 weiter klingen.
Stiftung braucht weiter Spenden
Die Orgeltöne werden durch einen elektrisch betriebenen Blasebalg Tag und Nacht gehalten. Auf der Internetseite des Projekts können sich Interessierte den Klang anhören. Der neuerliche Klangwechsel ist in ein größeres Rahmenprogramm eingebettet. Dazu zählen der jährliche „cage vocal workshop“, eine Ausstellung und verschiedene Aufführungen und Konzerte, organisiert von der John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt.
Diese hatte in der Vergangenheit auch mit finanziellen Problemen zu kämpfen. So hieß es etwa im Jahr 2022, dass trotz ehrenamtlicher Enthusiasten und Unterstützung von Land und Kommune das Eigenkapital der Stiftung nicht ausreiche, um die Kosten zu decken. Diese machten einen niedrigen sechsstelligen Betrag pro Jahr aus. Das international beachtete Projekt ist weiterhin auf Spenden angewiesen.
Ehemalige Kirche war schon Schnapsbrennerei und Schweinestall
In gutem Zustand präsentiert sich indes die romanische Burchardikirche. Um 1050 errichtet, ist sie eine der ältesten Kirchen in der Harzstadt. Im Jahre 1810 wurde sie säkularisiert und diente danach 190 Jahre lang den verschiedensten Zwecken: als Scheune, als Lagerschuppen, als Schnapsbrennerei und sogar als Schweinestall. Eigens für das John-Cage-Projekt war das frühere Gotteshaus saniert worden.
Nun wird die Kirche wohl wieder zum Pilgerort für Freunde der Neuen Musik, wie beim vergangenen Klangwechsel am 5. Februar 2024. Auch das nächste Datum steht natürlich längst fest: Auf den 18. Klangwechsel können sich Cage-Fans am 5. Oktober 2027 freuen.