Wenn aus einem Deutschkurs eine Linde wächst
Leipzig (epd).

„Ich habe heute ganz nicht geschlafen“, sagt Vera, als es eigentlich um Steigerungsformen von Adjektiven geht. Der Übungssatz „Du musst länger schlafen“ erinnert die ältere Dame wohl an die letzte schlechte Nacht. Lehrerin Kathrin Forstner lässt sie gewähren, verbessert sanft und bringt die Gruppe zur Aufgabe zurück.

Es ist ein Dienstagnachmittag. Kathrin Forstner, vor ihrer Elternzeit Dozentin für internationale Entwicklung, unterrichtet vier ältere Ukrainerinnen in der Erlöserkirche in Leipzig-Thonberg: Tanja, Vera, Natalja und „die andere Tanja“, wie Forstner sie nennt. Alle längst im Ruhestand, aber mit Ehrgeiz dabei. Ihr Lehrbuch ist inzwischen auf A2-Niveau, also grundlegende Kenntnisse, vieles sitzt. Forstner hilft bei Bedarf mit einigen russischen Worten.

Anker im Alltag

Das Sprachcafé in Leipzig ist nicht das einzige seiner Art. Wobei es hier streng aufgeteilt ist: erst „Sprache“, dann „Café“. Wie viele es davon gibt, kann die Stadt Leipzig nicht sagen, empfiehlt auf Anfrage aber eine Website, die 16 Angebote listet. Selbst betreibe die Stadt kein Sprachcafé, betont aber die Bedeutung: „Sprachcafés oder andere Formen niederschwelliger Deutsch-Lern-Angebote spielen insgesamt eine zentrale Rolle bei Integration“, so das Referat für Migration und Integration. Bei Fragen im Alltag seien sie ein wichtiger Anker.

Und genau darum dreht sich vieles im Kurs: Hausaufgabe war, die Olympischen Winterspiele zu schauen. Petr Gumennik, ein russischer Eiskunstläufer, trat dieses Jahr bei Olympia als neutraler Athlet an. Veras Lieblingssportler. „Die andere Tanja“ widerspricht laut, schüttelt den Kopf. Ein paar Worte auf Ukrainisch, dann Schweigen. „Andere Meinungen“, kommentiert Kathrin Forstner und wechselt das Thema.

Von Kiew in den Kirchensaal

Oft reicht Tanjas Deutsch bisher nicht, um alles erzählen zu können, was sie möchte. Dann hilft ihr alter Beruf und Tanja wechselt die Sprache. Die ehemalige Englischlehrerin kommt aus Kiew, aus der Leipziger Straße, Leiptsyzka vulytsia, erzählt aufgewühlt, emotionsgeladen. Kurz nach dem Ausbruch des Krieges im Februar 2022 kam sie nach Leipzig. Jetzt wohnt sie mit einer Freundin zusammen in einer Wohnung. Beide erkunden das Umland, besuchen unterschiedliche Städte, Museen und Konzerte.

Kiew ist seit 1962 Partnerstadt von Leipzig. Nach dem Ausbruch des Krieges gegen die Ukraine vor vier Jahren ist die Unterstützung groß. Die Stadt hilft mit Medikamenten, Sanitätsmaterial und Fahrzeugen.

Auch Kathrin Forstner dachte bei Kriegsbeginn darüber nach, wie sie selbst helfen könnte. Mit dem „Ökumenischen Verein für Integration und Bildung“ bietet sie seitdem Deutschkurse an, der Verein beschafft das Lernmaterial, die Kirche stellt die Räume. Eine Zusammenarbeit, so unbürokratisch und einfach wie möglich, gerade für die Menschen, die keinen Platz in offiziellen Kursen fänden.

Kultur als Lebensbeweis

Durch das gelernte Deutsch entdeckt Tanja immer mehr: alte Architektur, alte Bräuche, alte Musik. Kultur sei den Deutschen wichtig, erzählt sie. In der Ukraine sei das nicht so gewesen, sagt Tanja, aber das ändere sich. Jetzt, nach vier Jahren Krieg, gehe es in ihrer Heimat viel mehr um die eigene Kultur, um Kunst. Ein „Boom“, wie Tanja es ausdrückt. Alle würden zeigen wollen, dass die Ukraine am Leben ist und versuchen, etwas für die Zukunft zu schaffen. Jeden Tag gebe es neue Dinge, neue Bücher, viel mehr als davor. Das macht Tanja Mut, genauso wie der Kurs, in dem es auch immer Platz für schlaflose Nächte und Olympia gibt.

Schnell ist aus dem Deutsch-Lernen eine tiefe Freundschaft gewachsen. Am Westplatz in Leipzig hat sie Wurzeln geschlagen: Die Teilnehmerinnen haben der Erlöserkirche eine Linde geschenkt, die von der Stadt Leipzig gepflanzt und mit einer kleinen Tafel versehen wurde: „Als Zeichen der Dankbarkeit für die Fürsorge unserer deutschen Freunde in schweren Tagen des Krieges in der Ukraine.“

Von Linn Manegold (epd)