Das Dokumentationszentrum Flucht-Vertreibung-Versöhnung in Berlin steht möglicherweise vor einer personellen und inhaltlichen Neuausrichtung. Am Donnerstag will der Stiftungsrat über die künftige Direktorin oder einen neuen Direktor entscheiden, wie es aus Kreisen der Stiftung Flucht-Vertreibung-Versöhnung heißt. Dagegen regt sich Widerstand im wissenschaftlichen Beraterkreis der Stiftung.
Neben der amtierenden Direktorin, der Historikerin Gundula Bavendamm, die die Stiftung seit zehn Jahren leitet und das 2021 eröffnete Dokumentationszentrum aufgebaut hat, gibt es zwei weitere Kandidaten: Der eine ist Referent der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag und Geschäftsführer der Fraktionsgruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten, der andere stellvertretender Leiter eines Dokumentationszentrums zur NS-Zwangsarbeit.
„Ausgezeichnete Arbeit gemacht“
Der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beraterkreises, der Berliner Geschichtsprofessor Stephan Lehnstaedt, würde gerne an Bavendamm als Direktorin festhalten: „Wir als Beraterkreis sind der Ansicht, dass sie eine ausgezeichnete Arbeit gemacht hat“, sagte Lehnstaedt dem Evangelischen Pressedienst (epd). Mit Bavendamm sei die Stiftung auf einem guten Weg. Deshalb sei die Neuausschreibung der Stelle auch unverständlich, sagte Lehnstaedt. Hintergrund ist offensichtlich Kritik des Bundes der Vertriebenen (BdV) an der Dauerausstellung.
In einer am Sonntagabend versendeten Pressemitteilung des BdV heißt es, die Stellenausschreibung habe unter anderem zum Ziel, „den Versöhnungsauftrag stärker in den Blick zu nehmen und die Reichweite der Ausstellung zu erhöhen“. Zugleich werden Medienberichte kritisiert, die über die Stellenausschreibung und die Kandidaten berichten. Mutmaßungen, es gehe dem BdV „um eine Umdeutung wider europäische Interessen, weisen wir entschieden zurück“, erklärte BdV-Präsident Stephan Mayer (CSU), der bislang als Vertreter des Bundestages neben den sechs Vertretern des BdV im Stiftungsrat sitzt. Tatsächlich gibt es Befürchtungen im Stiftungsrat, dass eine Neuausrichtung zu erneuten Spannungen mit Polen führen könnte.
Kritik an Dauerausstellung
„Die Kritik vom BdV gibt es schon länger“, sagte Lehnstaedt. Es gehe dabei unter anderem um den Vorwurf mangelnder Empathie für die Schicksale der Vertriebenen. „Weniger Kontextualisierung über die Vorgeschichte der Vertreibung, mehr Leidensgeschichte der Deutschen“, fasst Lehnstaedt zusammen.
„Tatsächlich hat es in den vergangenen zwei Jahren deshalb punktuelle Überarbeitungen, Nachschärfungen der Dauerausstellung gegeben“, so Lehnstaedt. Aber aus Sicht des BdV sei dies offensichtlich nicht ausreichend. Der BdV sieht sich als Interessenvertretung der Landsmannschaften der Ostpreußen, Oberschlesier und anderer deutschen Minderheiten in Ostmittel- und Osteuropa.
Keine politische Führung des Museums
Lehnstaedt verweist darauf, dass die Vertreter des Vertriebenen-Bundes im 20-köpfigen Stiftungsrat dem Ausstellungskonzept im Berliner Dokumentationszentrum zugestimmt hatten. „Das war damals ein einstimmiger Beschluss“, wie er betont. „Und ich finde die Ausstellung sehr gut, gerade weil sie den Kontext vor der 1944 beginnenden Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa nicht ausblendet“, sagte der Zeithistoriker.
Kritik gibt es seitens des wissenschaftlichen Beraterkreises auch an dem Kandidaten aus der Unionsfraktion. Der Fraktionsreferent der Union habe weder die wissenschaftliche noch professionelle Expertise für die Leitung einer solchen Institution: „Dafür braucht es einen Direktor, eine Direktorin, die Erfahrung hat im Umgang mit der Fachwelt in Museen und Wissenschaft, beim Gestalten einer Ausstellung, eines Programms, bei der Herausgabe von Publikationen“, sagte Lehnstaedt: „Und wir wollen nicht, dass ein Museum politisch geführt wird.“
Weiteres Schlachtfeld im Kulturkampf
Mit einem Seitenblick auf die durch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) jüngst initiierten Debatten sagte Lehnstaedt: „Das ist ein neues Schlachtfeld im aktuellen Kulturkampf.“ Dies habe damit begonnen, dass die Zuständigkeiten für Heimatvertriebene, Spätaussiedler, deutsche Minderheiten im Ausland und für nationale Minderheiten zum Bundesinnenministerium gewandert sind: „Jetzt gehört das Dokumentationszentrum nicht mehr zum Bereich Gedenken, sondern zum Bereich Heimat.“